double #45

An die Substanz.
Material im FIgurentheater

Heft 1/2022

Stippvisite: Speelgoedmuseum Deventer
Schweizer Fenster: Gespräch mit Chine Curchod


Editorial

Überall herrscht Materialknappheit: Holz fehlt auf dem Bau, Chips in der Automobilindustrie. Überall? Nein! Im Figurentheater ist Material vorhanden – immer schon und in größter Vielfalt! Nicht nur, wenn es sich um „Materialtheater“ im engen Sinne handelt, bildet das Material die physische Grundlage jeder Inszenierung. Es wird ausgewählt, bearbeitet, mit anderen Materialien kombiniert und schließlich bespielt. Es wird vom Publikum wahrgenommen, das dann seine eigenen Materialerfahrungen im Rezeptions-Gepäck hat. Und nachdem es „abgespielt“ ist, muss es irgendwo hin. Das Material des Figurentheaters ist also ständig in Bewegung – auf der Bühne sowieso – aber auch davor und danach durchläuft es zahlreiche Transformationen. Die vorliegenden Texte nehmen diese immer wieder in den Blick (von roh zu bearbeitet, von intakt zu kaputt, von unbenutzt zu benutzt, von analog zu digital …) und illustrieren damit, wie reich die Lust am Material und seiner Erkundung das Figurentheater macht.

Kathi Loch startet mit den Grundlagen der Grundlagen, indem sie auf das Enstehen, Sein und Vergehen des Materials im Figurentheater schaut. Dazu passend liefert Astrid Schenka mit der Unterscheidung der Begriffe „Material“ und „Materialität“ ein wertvolles Analyse-Werkzeug – auch um die eigene Materialwahrnehmung im Theater zu schärfen. Von der Theorie zur Praxis führt ein

Fragebogen, in dem die Puppenbauer Rainer Schicktanz und Florian Loycke ihre – äußerst unterschiedlichen – Lieblingswerkstoffe vor- und gegenüberstellen: Holz und Schaumstoff. Über ein auf der (Figurentheater-)Bühne eher ungewöhnliches Material – nämlich Glas – berichtet Annika Gloystein anhand gleich zweier Projekte und kommt dabei den Unterschieden und Gemeinsamkeiten im Umgang mit der Fragilität auf die Spur. Weitere sehr besondere Materialien lernen wir aus Künstler*innen-Perspektive kennen: das Eis, mit dem Élise Vigneron sich immer wieder auseinandersetzt, und den Lehm, an dem Simon Wauters sich in einer Inszenierung

intensiv abarbeitete. Dass die Erforschung des Materials gerade für die allerkleinsten Zuschauer*innen einen spannenden Zugang zum Theater birgt, belegt Christiane Plank-Baldauf durch einen Workshop-Bericht. Und natürlich darf auch der Aspekt des Digitalen nicht fehlen: Alice Therese Gottschalk verrät, wie sich Figuren (per 3D-Drucker) aus dem Digitalen heraus materialisieren, Mario Kliewer, wie analoge Materialien zum Zwecke der (musealen) Vermittlung digitalisiert werden. Zwei Beiträge, die sich mit dem „Nachleben“ des Materials befassen, kommen von Frank Soehnle, der beweist, dass benutztes Material mit viel Erkenntnisgewinn reaktiviert

und -animiert werden kann, sowie von den drei Expertinnen, die sich mit Meike Wagner zum Gespräch trafen: Sie erzählen aus den Lübecker, Münchner und Dresdner Puppentheatersammlungen, wie dort um die Konservierung des Materials gerungen wird.

Der zweite Teil des Hefts startet mit zwei Texten im französischen Original, in denen Pierre Meunier seine herausfordernde Arbeit mit einem Steinhaufen poetisch reflektiert. Bei der Tagung „PuppetPlays” bildeten Puppenspieltexte das Diskussionsmaterial, während bei der dezentralen Konferenz „Extend it!“ mit Online-Formaten experimentiert wurde. Darüber hinaus führen uns

die Autor*innen ins Spielzeugmuseum nach Deventer, denken über die paradoxe Animation von Tierpräparaten nach und schauen auf Rafi Martins gewichtvolle neue Soloperformance, die jüngst in Stuttgart Premiere hatte. Es werden verschiedene Dimensionen eines nachhaltigen Figurentheaters diskutiert, und das Schweizer Fenster überwindet erstmals den „Röstigraben“. Das Heft enthält außerdem einen Nachruf auf den nach schwerer Krankheit verstorbenen Künstler Joachim Torbahn, dessen visuell-fantasievolle „Maltheater“-Arbeiten in Erinnerung bleiben werden.

Einen anregenden Blick auf die handfesten „Basics“ des Figurentheaters wünschen

Kathi Loch, Christina Röfer und Meike Wagner

Inhalt

Thema

An die Substanz.
Material im FIgurentheater

  • Kathi Loch
    Entstehen, Sein, Vergehen
    Eine Begleitung des Materials auf seinem theatralen Werdegang
  • Astrid Schenka
    Über den Eigensinn der Objekte sprechen
    Material vs. Materialitat
  • Rainer Schicktanz, Florian Loycke
    Leichtes Holz und unschlagbarer Schaumstoff
    Puppenbauer über ihre Lieblingsmaterialien
  • Annika Gloystein
    Das Spiel mit stehen gebliebener Flussigkeit
    Über den Einsatz von Marionetten aus Glas bei Wael Shawky und dem Puppentheater Ljubljana
  • Elise Vigneron
    „Dieses Material erschopft sich nie“
    Theaterarbeit mit Eis
  • Christiane Plank-Baldauf
    Von tonendem Rascheln und tanzender Stille
    Klangerkundung mit Kita-Kindern
  • Mario Kliewer
    Realitatseffekte
    Materialien im imaginaren Museum Puppets 4.0 und in einer digitalen Theatrum mundi-Auffuhrung
  • Frank Soehnle
    Material als Zeitreise
    Zwei Stücke für vergessene Figuren
  • Simon Wauters
    Die Resonanz zwischen dem dunklen Text und dem lebendigen Material
    Lehm – Erde – Asche als theatrale Allegorien
  • Alice Therese Gottschalk
    Beliebig reproduzierbar
    Figurenbauexperimente mit dem 3D-Drucker
  • Gegen die Endlichkeit anarbeiten
    Ein Gespräch mit Sabine Princ, Ines Handel und Antonia Napp über Puppenmaterial und Restaurierung

Essai en français

  • Pierre Meunier
    „Le silence du tas“ & „Interview imaginaire“
    Zwei poetische Texte

Diskurs

  • Mascha Erbelding
    Les pieces echappees du feu
    Das Kolloqium „Literary writing for puppets and marionettes in Western Europe“ in Montpellier
  • Annika Gloystein
    Wir üben uns im Fragen stellen
    Eindrucke von „Extend it! – Dezentrale Konferenz zum Jetzt und Morgen des Figurentheaters“

Festival

  • Anke Meyer
    Etappenziel: Festivalerlebnis
    Wochenendbesuche in Erlangen und Magdeburg
  • Christina Rofer
    Formenvielfalt und Spielfreude
    Zur 47. Verleihung des Fritz-Wortelmann-Preises

Stippvisite

  • Tuur Devens
    Spielzeug fur deine Fantasie
    Die interaktive Installation des TAMTAM objektentheater im Speelgoedmuseum Deventer

Inszenierung

  • Anke Meyer
    Toten Tieren das Leben retten
    Das Puppentheater Ljubljana zeigt „Still Life“ beim Festival Theater der Dinge in Berlin
  • Brigitte Jahnigen
    Die Verlagerung von Gewicht(ungen)
    Rafi Martins „The ceremony of weight“ in Stuttgart

Seitenblick

  • Wachrütteln
    Tim Sandweg und Rebecca Gonter im Gespräch über Nachhaltigkeit im Figurentheater

Nachruf

  • Michael Bader
    Thalias Kompagnons haben einen Kumpan verloren
    Zum Tod von Joachim Torbahn (1962–2021)

Schweizer Fenster

  • Mit der Marionette über Grenzen hinweg
    Ein Gespräch mit Chine Curchod

English Summaries   

Notizen/Festivalkalender

Impressum

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English

CONTENTS double 45:

A matter of substance.
Material in Figure Theatre

  • Kathi Loch
    Becoming, being, ceasing
    An accompaniment of the material on its theatrical career
  • Astrid Schenka
    Talking about the intrinsic individuality of objects
    Material versus Materiality
  • Rainer Schicktanz, Florian Loycke
    The lightness of wood or unrivalled foam
    Puppet-makers on their favourite materials
  • Annika Gloystein
    Performing with solidified liquid
    The use of glass marionettes by Wael Shawky and at the Ljubljana Puppet Theatre
  • Elise Vigneron
    “This material never runs out”
    Working with ice
  • Christiane Plank-Baldauf
    The sounds of rustling and dancing silence
    Exploring sounds with kindergarten children
  • Mario Kliewer
    Reality effects
    Materials in the imaginary museum “Puppets 4.0” and a digital Theatrum mundi show
  • Frank Soehnle
    Material as a journey back in time
    Two shows for forgotten puppets
  • Simon Wauters
    The resonance between a sombre text and living material
    Clay, earth and ash as theatrical allegories
  • Alice Therese Gottschalk
    Arbitrarily reproducible
    Experiments on making puppets with a 3D printer
  • Working towards eternity
    An interview with Sabine Princ, Ines Handel and Antonia Napp on puppet material and restoration

ESSAI EN FRANCAIS

  • Pierre Meunier
    “Le silence du tas” & “Interview imaginaire”
    Two poetic texts

DISCOURSE

  • Mascha Erbelding
    Les pieces echappees du feu
    The colloquium “Literary writing for puppets and marionettes in Western Europe” in Montpellier
  • Annika Gloystein
    Practising asking questions
    Impressions from “Extend it! – Decentralised conference on the now and tomorrow of figure theatre”

FESTIVAL

  • Anke Meyer
    Stage destination: Festival experiences
    Weekend visits in Erlangen and Magdeburg
  • Christina Röfer
    Diversity of form and playfulness
    On the 47th awarding of the Fritz Wortelmann Prize

FLYINGVISIT

  • Tuur Devens
    Playthings for your fantasy
    The interactive installation of the TAMTAM object theatre in the Deventer Toy Museum

STAGING

  • Anke Meyer
    Saving the lives of dead creatures
    The Ljubljana Puppet Theatre presentation of “Still Life” at the Theater der Dinge festival in Berlin
  • Brigitte Jahnigen
    Shifting the balance(s)
    Rafi Martin’s “The ceremony of weight” in Stuttgart

SIDEGLANCE

  • Sit up and take note
    Tim Sandweg and Rebecca Gonter discuss on sustainability in figure theatre

OBITUARY

  • Michael Bader
    Thalias Kompagnons have lost a comrade
    On the death of Joachim Torbahn (1962–2021)

SWISS  WINDOW

  • Crossing borders with puppets
    An interview with Chine Curchod

Summary EDITORIAL

The physical basis of every puppet theatre production is its material. It is selected, processed, combined with other materials and finally performed. During the performance, an audience perceives it and has its own material experiences in its receptive baggage. And after it has been “played”, it has to go somewhere. The material of puppet theatre is therefore constantly in motion – on stage at any rate – but even before and after, it often undergoes numerous transformations. The texts in this issue repeatedly reveal thesetransformations (from unworked to processed, from intact to broken, from unused to used, from analogue to digital, …) and thus illustrate the extent to which the desire for  material and its exploration enriches puppet theatre.