double #02

Fremde Körper
Diesseits der Animation


Editorial

Von Verstörung und Zerstörung ist im Thementeil dieses Heftes häufig die Rede. Es geht dabei um die Zertrümmerung von Auffassungen, die als gesichert galten, weil sie wissenschaftlich bewiesen schienen. Die poststrukturalistischen Philosophen haben mit ihren Schriften daran gearbeitet, diese wissenschaftlichen Beweise als vorgebliche zu entlarven und die Täuschungen offen zu legen, denen die Menschheit aufgesessen sei. Die Dekonstruktion des aufklärerischen Weltbildes findet vornehmlich im Kopf statt. Denkfiguren drehen Pirouetten. Wer dem folgen will, der folge.

Schon einmal, über ’50 Jahre vor der Entstehung dieser Denkfiguren, gab es Denker, die Täuschungen als solche kenntlich machten und bis dahin als unerklärlich und damit magisch geltende Phänomene mit den Gesetzen der Physik, der Chemie und der Biologie zu erklären versuchten. Im Geiste der Aufklärung wurde aus den Prinzipien der schwarzen Magie, mit der Scharlatane das Volk staunen und gruseln machten, eine weiße, eine natürliche Magie. Die Magie des Natürlichen.

Die Wahrnehmung des Menschen galt den aufklärerischen weißen Magiern und gilt den poststrukturalistischen Entzauberern gleichermaßen als ein Prozess, dessen Konditionierung entscheidenden Einfluss auf das Funktionieren der Täuschung hat. So sprach David Brewster in seinen schon eingangs zitierten „Briefen über die natürliche Magie“ vom Auge als einem wunderbaren Organ, das als eine Schildwache betrachtet werden könne“, welche den Uebergang von der geistigen zur körperlichen Welt bewacht, und wodurch der gegenseitige Austausch ihrer Mittheilungen erfolgt.“ Schulung der Wahrnehmung durch das Auge und Schulung des Geistes, das hieß Aufklärung über natürliche Prozesse und deren populäre naturwissenschaftliche Erklärung. Nach Auffassung von David Brewster vermochte das, die Waffen der Schildwachen im Kampf gegen jene Täuschungen zu schärfen, denen das Gemüt Tür und Tor zu öffnen bereit war. Puppenspieler und allerlei andere Jahrmarktsgaukler gehörten übrigens Hoichi Okamoto in „Kiyohime Mandala“, Dondoro Theater (Japan). Foto: Theater zu seinen Zielscheiben, denn sie verdienten mit der Täuschung des Volkes auch noch Geld.

Es sind allerdings mitnichten Moral und aufklärerischer Geist, welche die poststrukturalistische Philosophie und ihre Anwendung auf das Puppen- und Figurentheater motivieren. Obwohl auch da die Wahrnehmung und die oftmals damit verbundene Täuschung zum Topos der unterschiedlichen Theorieansätze geworden ist. Diese Theorien jedoch darauf zu verkürzen, hieße ihnen genauso unrecht zu tun, wie den aufklärerischen weißen Magiern, wenn man ihnen nur moralisierenden Kampf gegen Scharlatanerie und Aberglaube unterstellte.

Wir laden Sie ein, sich im Thementeil der zweiten Ausgabe von double mit uns gemeinsam auf einen Streifzug durch unterschiedliche Theorieansätze im Blick auf das aktuelle Puppen-, Figuren- und Objekttheater einzulassen. Jedesmal nähern wir uns aus einer anderen Richtung denselben Phänomenen, dem Übergang des Leblosen zum Lebendigen und umgekehrt. Viele der Besprechungen und Berichte über Inszenierungen in unserem Heft fügen diesen theoretischen Annäherungen praktische Beispiele hinzu, gleichsam das notwendige Quantum konkreter Anschauung und Beschreibung. Nachdem wir im ersten Heft den fremden Blick thematisiert haben, nehmen wir nun die fremden Körper ins Visier. Wohl bedenkend, dass der fremde Körper erst fremd wird durch den Blick, der auf ihn fällt.

Das Projekt eines Magazins für Puppen-, Figuren- und Objekttheater beginnt sich zu verstetigen. Herausgeber, Redaktion und Verlag arbeiten gleichwohl weiter am inhaltlichen und gestalterischen Profil von double. Noch ist nicht jedes redaktionelle oder grafische Prinzip bis zu Ende diskutiert, noch sind wir sicher, einiges verbessern zu können. Über ein Prinzip sind wir uns jedoch einig, das Prinzip einer kritischen Öffentlichkeit für alle Formen des Puppen-, Figuren- und Objekttheaters. Deshalb lesen Sie double und reden Sie darüber!

Gerd Taube und Meike Wagner

Inhalt

Thema

  • MeikeWagner
    Fremde Körper – Diesseits der Animation
  • Christoph Lepschy
    Widerspenstiges Material
  • Pia Müller-Tamm und Katharina Sykora
    Paradigmen des Künstlerischen
  • Meike Wagner
    Körper-Störung
  • Hamster Damm
    Die Wahrnehmung des Zuschauers verändern

Festival

  • Chris Wahl
    Den Horizont der Wahrnehmung öffnen
    FIDENA 2004 in Bochum
  • Jörg Lehmann
    Aufbruch! Umbruch. Durchbruch?
    SYNERGURA 2004 in Erfurt
  • Silvia Brendenal
    Punch und Judy aus Tschechien
    UNIDRAM in Potsdam

Ausbildung

  • Anke Meyer
    Fragen an die Ausbildung
    Internationales Festival der Puppent heaterhochschulen in Bialystok
  • Silvia Brendenal und Marek Waszkiel
    Schulen im Dialog?
    Ein Gespräch
  • Waltraud Diessner
    Eine Vorstellung von der Lehrzeit
    Tage der Hochschule in Berlin

Tagung

  • Annette Dabs
    Kunst oder Politik
    UJNIMA Welt kongress 2004 in Opatij

Inszenierungen

  • Konstanza Kawrakowa-Lorenz
    Umerziehung oder die Last des Blutes
    „Orestie“ in Basel
  • Marianne Fritz
    Karussell der Helden
    „Helden des 20.Jahrhunderts“ in Frankfurt und Basel
  • Anke Meyer
    Auf der Suche nach dem Ich
    „vom Adler, der nicht fliegen wollte“ und „Lebwohl, bis morgen!“
  • Gerd Taube
    Den Kosmos heraufbeschwören
    „Elsas Schöpfung“ in Stuttgart

Buchbesprechung

Notizen

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double #01

Der fremde Blick


Editorial

Das Spiel schien geendet, als plötzlich der Puppenspieler sein zur furchtbaren Fratze verzerrtes Antlitz emporhob in den Raum der Puppen und mit totstarren Augen gerade hin in den Kreis blickte. Pulcinell von der einen Seite, der Doktor von der anderen schienen über die Erscheinung des Riesenhauptes sehr erschrocken, dann erholten sie sich aber, beschauten sorglich mit Gläsern das Antlitz, betasteten Nase, Mund, die Stirn, zu der sie kaum hinauflangen konnten, und begannen einen sehr tiefsinnigen gelehrten Streit über die Beschaffenheit des Haupts und auf welchem Rumpf es sitzen könne, oder ob überhaupt ein Rumpf als dazugehörig anzunehmen. Der Doktor stellte die aberwitzigsten Hypothesen auf, Pulcinell zeigte aber dagegen viel Menschenverstand und hatte die lustigsten Einfälle. Darum wurden sie zuletzt einig, daß, da sie keinen zum Kopf gehörigen Körper wahrnehmen könnten, es auch keinen gäbe.
E.T.A. Hoffmann, Der Doppeltgänger

Eine neue Zeitschrift liegt vor Ihnen: double. Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater. Schon der Dreiklang im Untertitel deutet auf Uneinigkeit: Denn vielgestaltig sind die Namen für das Theater geworden, dem wir diese Zeitschrift widmen. Unmöglich scheint die Verständigung auf einen Begriff, einen kleinsten gemeinsamen „Nenner“. Diese Vielfalt an Namen, der engagierte Diskurs um die Gattungsbestimmung erzählt freilich nicht nur von der Lebendigkeit des Genres. Er ist auch Ausweis einer Geographie in Bewegung, einer Theaterlandschaft, die – an der Peripherie des Kulturbetriebs siedelnd – eine beispiellose Dynamik entwickelt hat. Dementsprechend verstehen wir auch die Erstausgabe dieser Zeitschrift weniger als fertiges Produkt denn als ersten Schritt eines Prozesses, offen für Veränderung und Entwicklung.

In den letzten 50 Jahren ist das Puppenspiel aus den relativ engen Gefilden eines Volkserziehungsinstruments ausgebrochen und versteht sich nunmehr selbstverständlich als eigenständige Kunstform. Die Erweiterung des Spielmaterials von plastisch gestalteten Puppen auf Gegenstände, Räume, Licht hat eine Brücke zur bildenden Kunst, zur Installations- und Performancekunst entstehen lassen. Aus der Öffnung des Spielraums, der Aufsprengung des klassischen Guckkastens und dem Erscheinen des Spielers selbst auf der Bühne des Puppentheaters,als Partner und/oder als Animator ist eine Verbindung zum Schauspiel gewachsen.

Dergestalt präsentiert sich das Puppen- und Figurentheater heute als offene und durchlässige Kunstform,als Schnittpunkt unterschiedlicher theatralischer Forschungsfelder. Der Titel double ist nicht von ungefähr gewählt. Das Thema der
Doppelung ist seit jeher eines der großen Themen des Puppen- und Figurentheaters: Es ist ein Theater der Parallelwelten und Simulacren, der Doppelgänger und Spiegelbilder. Dinge, Puppen, Materialien sind in jeder Inszenierung in ein neues, anderes Verhältnis zum Darsteller gesetzt. Diese Beziehung – zwischen den Körpern und ihren „doubles“ – muss jedes Mal neu bedacht und untersucht werden. Denn die Grenze zwischen diesen „Welten“, zwischen der Simulation und dem Simulierten folgt allein der spielerischen Behauptung. Sie kann deutlich und entschieden gesetzt werden: Hier der Puppenspieler,dort die Puppe; das kann ein eindeutiges hierarchisches Verhältnis sein – wie wir es etwa vom klassischen Marionettenspiel kennen. Sie kann aber auch sehr unscharf werden, wenn sie – etwa im Objekttheater – die Aufmerksamkeit vor allem auf die Beschaffenheit und Gemengelage der Welt der Dinge richtet – in Erwartung ihrer Erwiderung.

In einer solchen Welt ist der Darsteller nicht mehr der auktoriale „Manipulator“,vielmehr wird er Teil einer fremden Welt, in der Hoffnung das „vergessene Menschliche“ (Walter Benjamin) der Dinge wahrnehmbar zu machen. Die Archäologie jener Grenze, die Frage nach der Differenz zwischen Körpern und Dingen eignet daher jeder Inszenierung dieses Theaters auf ganz spezifische Weise. Es ist eine Frage, die auch die merkwürdige Eigentümlichkeit des „Doppelgängers“ erkundet.Denn wer da wen doppelt, ob „Original“ und „double“ überhaupt unterscheidbar wären, oder inwiefern ihnen darum zu tun ist, ebensolche Unterscheidbarkeit zu verwischen, ist eine jener konkreten Seherfahrungen, die das Puppen- und Figurentheater mannigfach bereit hält.

Viel Vergnügen bei der Lektüre. Silvia Brendenal, Christoph Lepschy, Anke Meyer, Katja Spiess, Gerd Taube, Meike Wagner, Manfred Wegner

Inhalt

Thema

  • Der fremde eigene Blick
    Über den scheinhaften Altruismus der künstlerischen Begegnung mit dem Fremden
    Gerd Taube
  • Das verwunschene Schiff
    „until doomsday“ an der Theaterakademie Warschau, Abteilung Puppenspiel, Bialystok
    Silvia Brendenal
  • Drei Lektionen
    Marcin Bartnikowski
    Jüngste Tage in Bialystok
    Charlotte Wilde und Michael Vogel
  • Dieser irritierende Blick
    Ovids „Metamorphosen“ als deutsch-tunesische Koproduktion
    Jörg Lehmann
  • Mina-el bidaya-badaa-koulou chai
    Heiki Ikkola
  • Maturins, Marionnettes et Lisolo
    Oder die Zusammenarbeit französischer, deutscher und kongolesischer Künstler
    mit Straßenkindern von Kinshasa
  • Dies ist kein Land
    Stefanie Oberhoff
  • „Oyo Mboka Te“
    Eddy Kabeya
  • Was der Sand erzählt
    Uraufführung einer französisch-kongolesischen Koproduktion
    Katja Spiess

Festival

  • Wie ein lauer Frühlingsregen
    Über das 15. Internationale Festival Giboulées de la Marionnette in Strasbourg
    Frank Bernhardt
  • Theaterlandschaft mit Risiko
    Das Festival RISK in Amsterdam zeigt niederländisches Puppen- und Objekttheater
    Anke Meyer
  • Schauen und Spielen im Kindertheaterhaus
    Symposium „Europäische KinderTheaterHäuser“ in Lippstadt
    Anke Meyer
  • Zwischen innen und außen
    Gedanken zum Ersten Europäischen Treffen in Val d’Oise
    Melanie Florschütz

Inszenierungen

  • Über den Horizont hinaus
    Theater Paradox, Stuttgart:„Mrs. Ikarus“
    Anke Meyer
  • Tanz das Leben – just do it!
    Compagnie IGNEOUS:„Body in Question“
    Silke Haueiss
  • In Minnes und Zufalls Hand
    Am Theater der Puppen im Kali, Nürnberg:„Tristan und Isolde“
    Dieter Stoll
  • Das Prinzip Zweifel
    Oder: Die Kasokas im Himmelreich der Fernsehproduktion Theater Kasoka, Berlin: Sacrés Soeurs
    Johanna Renger

Porträt

  • Körpergemälde
    Das Theater der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak
    Annette Dabs

Gespräch

  • Reicher Fundus
    Gespräch zur Ausbildung am Studiengang Figurentheater, Stuttgart

Kolumne

  • Ich und meine Puppe
    Meike Wagner

Buchbesprechung

Notizen

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