Superheld Spaßmacher Systemsprenger.
Kasper und Co. in schwierigen Zeiten
Heft 2/2025
Festivalberichte aus Amsterdam, Erlangen Nürnberg Fürth Schwabach, Magdeburg, Berlin und Basel
Titel: Opposable Thumb Theatre, Coulrophobia. Foto: Adam Laity
Superheld Spaßmacher Systemsprenger.
Kasper und Co. in schwierigen Zeiten
Er liebt den großen Auftritt und den Applaus. Schlagfertig und witzig, charmant und eloquent, beherrscht er die Kunst, virtuos mit Pointen und Timing zu spielen. In Sekundenschnelle nimmt er ein Publikum für sich ein und bringt es zum Johlen. Doch er hat auch ein anderes Gesicht. Er bricht Regeln, beschimpft seine Gegner, prügelt sich durch Konflikte. Ein Egomane, der nur zu gern die Massen aufwiegelt und sich selbst immer wieder über das Gesetz stellt. Misogyn, gewaltbereit, mit Vorliebe für Waffen und Provokation. Getrieben von grotesker Selbstüberschätzung überschreitet er jede Grenze und wird für sein „That’s the way to do it!“ gefeiert. Seit Jahrhunderten wandert diese Figur unter verschiedenen Namen durch Europa: als Kasper oder Punch, als Jan Klaassen, Guignol oder Pulcinella. Ihre Auftritte leben von Übertreibung, Gewalt und der Lust am Tabubruch. Aber kann diese Figur mit all ihren Brüchen und ihrer Geschichte überhaupt im Heute bestehen, ohne ihre anarchische Energie zu verlieren? Dieser Frage möchten wir in diesem Heft nachgehen und uns der Lustigen Figur des Puppenspiels nähern. Einige Artikel sind gekürzte Vorträge zum Symposium „Kasper? Kasper! Eine kritische Befragung“, das als Teil des gleichnamigen Festivals im Juni am Puppentheater Magdeburg stattfand. Daria Ivanova-Hololobova eröffnet unseren Thementeil mit einem Blick auf unverwüstliche Heldenfiguren. Sie stellt Kasper, Punch und den ukrainischen Kosak neben die Superhelden von Marvel und DC und zeigt, wie beide Welten von der Idee des Unbesiegbaren geprägt sind. Christine Zeides reflektiert als Teilnehmerin der Masterclass Kasper 3.0 in Magdeburg die gemeinsame Arbeit von Studierenden aus Deutschland, Polen und der Ukraine. Im Zentrum steht die Suche nach einem widerständigen Kasper, der Gewalt und Tod nicht mit Kraft, sondern mit Solidarität begegnet. Jessica Hölzl untersucht den Kasper als Erzählprinzip und spürt historischen Wurzeln ebenso nach wie dem utopischen Potenzial, das in der Figur steckt. Im Gespräch mit Estelle Charlier von der Compagnie La Pendue zeichnet Sofie Neu nach, wie Pulcinella als zeitloser Held Traditionen aufnimmt und zugleich in die Gegenwart weitergeführt wird. Alissa Mello rekonstruiert die jahrhundertelange Arbeit von Frauen in der britischen Punch-und Judy-Tradition und eröffnet eine feministische Lesart, die verdrängte Stimmen und Beiträge sichtbar macht. Und Mareike Gaubitz erklärt, warum es wichtig ist, dass diese europäische Tradition Teil des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO wird. Der Essay von Florian Feisel und Meike Wagner greift den Thementeil noch einmal auf. Ausgehend von der Handpuppe überlegen sie, ob der Begriff „Animation“ im zeitgenössischen Figurentheater um den des „messy worldings“ ergänzt werden müsste. Auch der Bericht vom Festival „Kasper? Kasper!“ in Magdeburg und die Rezension der Inszenierung von „Kasper in Teufels Küche“ am Theater Altenburg/Gera schließen an die Heftthematik an. Die im Hefttitel vermerkten Krisenzeiten spürte man bei den weiteren besprochenen Festivals: Das internationale figuren.theater.festival in Erlangen, Nürnberg, Fürth und Schwabach, das unter anderem von Sparzwängen der Kommunen geprägt war, und das Queering Puppets Festival Amsterdam, das bewies, wie politisch Körperkonstruktionen immer noch sind. Dennoch lebt die Figurentheaterszene und entwickelt sich weiter: beim studentischen Festival „Puls & Peilung“ an der Schaubude Berlin und bei der Summerschool Figurentheater, die in Leipzig parallel zum FIGURE IT OUT!-Festival stattfand. Und mit der neuen Dauerausstellung im KOLK 17 – Museum und Theater in Lübeck eröffnen sich Einblicke ins Figurentheater für breite Publikumsschichten. Das Schweizer Fenster öffnet dieses Mal den Blick für eine Produktion von Mirjam Ellenbroek, und das BAFF! Festival in Basel feiert sein 30-jähriges Bestehen. Die neue Publikation „offen! Das internationale figuren.theater.festival Erlangen Nürnberg Fürth Schwabach“, herausgegeben von langjährigen double-Redakteur*innen, wird zum Ende des Heftes vorgestellt.
Eine anregende Lektüre wünschen
Juliane Solvång und Mascha Erbelding
Thema
Superheld Spaßmacher Systemsprenger.
Kasper und Co. in schwierigen Zeiten
- Daria Ivanova-Hololobovy
Wir brauchen noch immer einen Superhelden
Traditionelle Volkshelden des europäischen Puppenspiels im Spiegel der Protagonist*innen der Marvel- und DC-Universen - Christine Zeides
Kasper, Go Home!
Eine Spurensuche zwischen Häuserruinen und Safe Houses - Jessica Hölzl
Kasper als Erzählprinzip
Auf der Suche nach Kasperls Wurzeln und dem utopischen Potenzial - Sofie Neu / Estelle Charlier
Mit Vollgas einen jahrhundertealten Helden weitertragen
Estelle Charlier Interview mit der Compagnie La Pendue (Frankreich) - Alissa Mello
Die Arbeit der Frauen: Punch and Judy
Relektüre einer Tradition - Mareike Gaubitz
Kaspers Weg zur UNESCO
Perspektiven einer multinationalen Nominierung der lustigen Figur im europäischen Handpuppenspiel als Immaterielles Kulturerbe
Essay
- Florian Feisel / Meike Wagner
Worlding?
Die Puppe als Knotenpunkt im theatralen Weltschaffen
Festival
- André Studt
Über das Solo zur Solidarität
Stichpunkte zum 24. internationalen figuren.theater.festival Erlangen, Nürnberg, Fürth, Schwabach - Alissa Mello
Figurentheater zwischen Tradition und Transformation
Das Festival „Kasper? Kasper!“ am Puppentheater Magdeburg - Moritz Buchmann / Christofer Schmidt
Konstruierte Körper
Queering Puppets Festival Amsterdam zeigt politisches Programm
Next Generation
- Tom Mustroph
Salzgebäck und Puppenstars
Das neue studentische Festival „Puls & Peilung“ an der Schaubude Berlin - N. Glasauer
Vernetzung, Theorie und schwebende Äpfel
Die Summerschool Figurentheater 2025 in Leipzig
Inszenierung
- Juliane Solvång
Vielschichtigkeit auf vier Händen
„Kasper in Teufels Küche oder Das Geheimnis der schlechten Laune“ am Theater Altenburg Gera
Ausstellung
- Alexander Rudolfi
Das eigentliche Spektakel
Ein Besuch im neu eröffneten Figurentheatermuseum KOLK 17 in Lübeck
Schweizer Fenster
- Jacqueline Surer
Voll Feuer für Figurentheater
Seit dreissig Jahren zelebriert das Basler Figurentheaterfestival BAFF! die Vielfalt der Kunstform - Moritz Schönbrodt
Sprache begreifen
Die Produktion „Viecher“ macht Dialekte zum Spielmaterial
Rezension
- Petra Szemacha
Eine echte Langzeitbeziehung
Offen. Das internationale figuren.theater.festival
English Summaries
Notizen/Festivalkalender
Impressum
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EDITORIAL
He has been wandering through Europe for centuries under various names: as Kasper or Punch, as Jan Klaassen, Guignol or Pulcinella. The performances thrive on exaggeration, violence and the desire to break taboos. But can this character, with all its contradictions and history, survive in the present day without losing its anarchic energy? In this issue we want to explore this question and take a closer look at the comic character of puppetry: from its superhero and utopian potential to research into the work of women, from contemporary performance practice to its potential UNESCO World Heritage status.

