double #52

Superheld Spaßmacher Systemsprenger.
Kasper und Co. in schwierigen Zeiten

Heft 2/2025

Festivalberichte aus Amsterdam, Erlangen Nürnberg Fürth Schwabach, Magdeburg, Berlin und Basel

Titel: Opposable Thumb Theatre, Coulrophobia. Foto: Adam Laity


Superheld Spaßmacher Systemsprenger.
Kasper und Co. in schwierigen Zeiten

Er liebt den großen Auftritt und den Applaus. Schlagfertig und witzig, charmant und eloquent, beherrscht er die Kunst, virtuos mit Pointen und Timing zu spielen. In Sekundenschnelle nimmt er ein Publikum für sich ein und bringt es zum Johlen. Doch er hat auch ein anderes Gesicht. Er bricht Regeln, beschimpft seine Gegner, prügelt sich durch Konflikte. Ein Egomane, der nur zu gern die Massen aufwiegelt und sich selbst immer wieder über das Gesetz stellt. Misogyn, gewaltbereit, mit Vorliebe für Waffen und Provokation. Getrieben von grotesker Selbstüberschätzung überschreitet er jede Grenze und wird für sein „That’s the way to do it!“ gefeiert. Seit Jahrhunderten wandert diese Figur unter verschiedenen Namen durch Europa: als Kasper oder Punch, als Jan Klaassen, Guignol oder Pulcinella. Ihre Auftritte leben von Übertreibung, Gewalt und der Lust am Tabubruch. Aber kann diese Figur mit all ihren Brüchen und ihrer Geschichte überhaupt im Heute bestehen, ohne ihre anarchische Energie zu verlieren? Dieser Frage möchten wir in diesem Heft nachgehen und uns der Lustigen Figur des Puppenspiels nähern. Einige Artikel sind gekürzte Vorträge zum Symposium „Kasper? Kasper! Eine kritische Befragung“, das als Teil des gleichnamigen Festivals im Juni am Puppentheater Magdeburg stattfand. Daria Ivanova-Hololobova eröffnet unseren Thementeil mit einem Blick auf unverwüstliche Heldenfiguren. Sie stellt Kasper, Punch und den ukrainischen Kosak neben die Superhelden von Marvel und DC und zeigt, wie beide Welten von der Idee des Unbesiegbaren geprägt sind. Christine Zeides reflektiert als Teilnehmerin der Masterclass Kasper 3.0 in Magdeburg die gemeinsame Arbeit von Studierenden aus Deutschland, Polen und der Ukraine. Im Zentrum steht die Suche nach einem widerständigen Kasper, der Gewalt und Tod nicht mit Kraft, sondern mit Solidarität begegnet. Jessica Hölzl untersucht den Kasper als Erzählprinzip und spürt historischen Wurzeln ebenso nach wie dem utopischen Potenzial, das in der Figur steckt. Im Gespräch mit Estelle Charlier von der Compagnie La Pendue zeichnet Sofie Neu nach, wie Pulcinella als zeitloser Held Traditionen aufnimmt und zugleich in die Gegenwart weitergeführt wird. Alissa Mello rekonstruiert die jahrhundertelange Arbeit von Frauen in der britischen Punch-und Judy-Tradition und eröffnet eine feministische Lesart, die verdrängte Stimmen und Beiträge sichtbar macht. Und Mareike Gaubitz erklärt, warum es wichtig ist, dass diese europäische Tradition Teil des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO wird. Der Essay von Florian Feisel und Meike Wagner greift den Thementeil noch einmal auf. Ausgehend von der Handpuppe überlegen sie, ob der Begriff „Animation“ im zeitgenössischen Figurentheater um den des „messy worldings“ ergänzt werden müsste. Auch der Bericht vom Festival „Kasper? Kasper!“ in Magdeburg und die Rezension der Inszenierung von „Kasper in Teufels Küche“ am Theater Altenburg/Gera schließen an die Heftthematik an. Die im Hefttitel vermerkten Krisenzeiten spürte man bei den weiteren besprochenen Festivals: Das internationale figuren.theater.festival in Erlangen, Nürnberg, Fürth und Schwabach, das unter anderem von Sparzwängen der Kommunen geprägt war, und das Queering Puppets Festival Amsterdam, das bewies, wie politisch Körperkonstruktionen immer noch sind. Dennoch lebt die Figurentheaterszene und entwickelt sich weiter: beim studentischen Festival „Puls & Peilung“ an der Schaubude Berlin und bei der Summerschool Figurentheater, die in Leipzig parallel zum FIGURE IT OUT!-Festival stattfand. Und mit der neuen Dauerausstellung im KOLK 17 – Museum und Theater in Lübeck eröffnen sich Einblicke ins Figurentheater für breite Publikumsschichten. Das Schweizer Fenster öffnet dieses Mal den Blick für eine Produktion von Mirjam Ellenbroek, und das BAFF! Festival in Basel feiert sein 30-jähriges Bestehen. Die neue Publikation „offen! Das internationale figuren.theater.festival Erlangen Nürnberg Fürth Schwabach“, herausgegeben von langjährigen double-Redakteur*innen, wird zum Ende des Heftes vorgestellt.
Eine anregende Lektüre wünschen
Juliane Solvång und Mascha Erbelding

Thema

Superheld Spaßmacher Systemsprenger.
Kasper und Co. in schwierigen Zeiten

  • Daria Ivanova-Hololobovy
    Wir brauchen noch immer einen Superhelden
    Traditionelle Volkshelden des europäischen Puppenspiels im Spiegel der Protagonist*innen der Marvel- und DC-Universen
  • Christine Zeides
    Kasper, Go Home!
    Eine Spurensuche zwischen Häuserruinen und Safe Houses
  • Jessica Hölzl
    Kasper als Erzählprinzip
    Auf der Suche nach Kasperls Wurzeln und dem utopischen Potenzial
  • Sofie Neu / Estelle Charlier
    Mit Vollgas einen jahrhundertealten Helden weitertragen
    Estelle Charlier Interview mit der Compagnie La Pendue (Frankreich)
  • Alissa Mello
    Die Arbeit der Frauen: Punch and Judy
    Relektüre einer Tradition
  • Mareike Gaubitz
    Kaspers Weg zur UNESCO
    Perspektiven einer multinationalen Nominierung der lustigen Figur im europäischen Handpuppenspiel als Immaterielles Kulturerbe

Essay

  • Florian Feisel / Meike Wagner
    Worlding?
    Die Puppe als Knotenpunkt im theatralen Weltschaffen

Festival

  • André Studt
    Über das Solo zur Solidarität
    Stichpunkte zum 24. internationalen figuren.theater.festival Erlangen, Nürnberg, Fürth, Schwabach
  • Alissa Mello
    Figurentheater zwischen Tradition und Transformation
    Das Festival „Kasper? Kasper!“ am Puppentheater Magdeburg
  • Moritz Buchmann / Christofer Schmidt
    Konstruierte Körper
    Queering Puppets Festival Amsterdam zeigt politisches Programm

Next Generation

  • Tom Mustroph
    Salzgebäck und Puppenstars
    Das neue studentische Festival „Puls & Peilung“ an der Schaubude Berlin
  • N. Glasauer
    Vernetzung, Theorie und schwebende Äpfel
    Die Summerschool Figurentheater 2025 in Leipzig

Inszenierung

  • Juliane Solvång
    Vielschichtigkeit auf vier Händen
    „Kasper in Teufels Küche oder Das Geheimnis der schlechten Laune“ am Theater Altenburg Gera

Ausstellung

  • Alexander Rudolfi
    Das eigentliche Spektakel
    Ein Besuch im neu eröffneten Figurentheatermuseum KOLK 17 in Lübeck

Schweizer Fenster

  • Jacqueline Surer
    Voll Feuer für Figurentheater
    Seit dreissig Jahren zelebriert das Basler Figurentheaterfestival BAFF! die Vielfalt der Kunstform
  • Moritz Schönbrodt
    Sprache begreifen
    Die Produktion „Viecher“ macht Dialekte zum Spielmaterial

Rezension

  • Petra Szemacha
    Eine echte Langzeitbeziehung
    Offen. Das internationale figuren.theater.festival

English Summaries   

Notizen/Festivalkalender

Impressum

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EDITORIAL

He has been wandering through Europe for centuries under various names: as Kasper or Punch, as Jan Klaassen, Guignol or Pulcinella. The performances thrive on exaggeration, violence and the desire to break taboos. But can this character, with all its contradictions and history, survive in the present day without losing its anarchic energy? In this issue we want to explore this question and take a closer look at the comic character of puppetry: from its superhero and utopian potential to research into the work of women, from contemporary performance practice to its potential UNESCO World Heritage status.