double #37

Editorial

Deutsch sein!?
Eine Frage zur Zeit

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, formulierte Karl Valentin einst treffend. Es ist die Begegnung mit den Fremden, die im Zuge einer der größten Fluchtbewegungen seit dem 2. Weltkrieg auch in Deutschland dazu führt, die eigene Kultur zu hinterfragen. Und dieses Feld sollte nicht nur Stimmen überlassen bleiben, die möchten, dass ‚deutsches Theater von Deutschen für Deutsche‘ gemacht wird und damit auf irgendeine Weise zu ‚echten deutschen‘ Kulturwerten beiträgt. Double hat sich mit seinem Themen-Teil einem differenzierten Blick verschrieben, um zu klären: Was genau passiert denn in der Praxis des ‚deutschen Puppenspiels‘, des ‚Puppenspiels in Deutschland‘ heute und wie sieht es in den Köpfen der Figurenspieler aus, die beitragen zur Kunst und Kultur in Deutschland? Was bedeutet es in einer Situation, in der viele Künstler-Gruppen in Deutschland arbeiten und gleichzeitig enorm international vernetzt sind, von ‚deutschem Puppenspiel‘ zu reden?

Der Thementeil ist ein sehr persönlicher geworden – denn ist wohl kaum möglich, bei „Deutsch sein?!“ auf einer objektiven Ebene zu operieren, nein, man muss Position beziehen, seine ganz persönliche Schräglage im Kulturfeld aufzeigen, und damit die Frage der Identität offen halten für dynamische Verhandlungen. Meike Wagner, Theaterwissenschaftlerin, berichtet, wie es ist, das ‚deutsch Sein‘ von außen zu erfahren. Tim Sandweg, künstlerischer Leiter der Schaubude Berlin, blickt auf drei Ausstellungen, die über Objekte und Bilder ‚deutsch Sein‘ vermitteln. Lars Rebehn, Puppentheater-Historiker, polemisiert gegen eine nationalistische Puppentheater-Geschichtsschreibung. Vier sehr persönliche Positionen zu ‚deutsch Sein‘ nehmen ein: Silvia Brendenal, ehemalige künstlerische Leiterin der Schaubude, aus Ost-West-Perspektive, Kotti Yun, Puppenspielerin, aus koreanisch-deutscher Perspektive, Antonio Cerezo, Puppenspieler, aus mexikanisch-deutscher Perspektive, Sarah Chaudon, Figurentheater-Studentin, aus französischdeutscher Perspektive. Thomas Stumpp, Puppentheater-Referent beim Goethe-Institut, spricht mit double über die Arbeit des Kulturinstituts zwischen ‚deutscher Kultur‘ und ‚Kultur in Deutschland‘. Zwei Berliner Puppenspiel-Studentinnen berichten von ihrer Reise zu sächsischen Stadttheatern und diskutieren die Frage, ob die kommunalen Puppentheater für sie eine attraktive Zukunftsvision bieten könnten. Ljiljana Dinic, serbische Kuratorin und Redakteurin, wirft aus der Ferne einen Blick auf das deutsche Figurentheater.

Auch in den folgenden Artikeln ist Puppentheater-Kultur in Deutschland immer wieder Thema: Kulturpolitisch in Charlotte Wildes kritischem Praxisbericht zur deutschen Projektförderung oder in der Würdigung des Verbands deutscher Puppentheater, der vor 50 Jahren gegründet wurde. Mit dem Ensemble Materialtheater und dem marotte Figurentheater feiern zwei „Urgesteine“ des deutschen Figurentheaters 30-jähriges Bestehen. Diese Artikel und die Festivalberichte vom „Theater der Dinge“ in Berlin, von der Imaginale in Stuttgart, aus Finnland und Bukarest, die Rezensionen aus Frankreich, Schweden und Deutschland zeigen, wie bunt und vielfältig die Puppen-, Figuren- und Objekttheaterszene ist – wo auch immer.

Ebenfalls bunt ist das neue double, das neben Farbfotos auch mit längeren englischen Zusammenfassungen der Themenartikel aufwartet (S. 50/51). In diesem Sinne gilt in Abwandlung der oft gehörten politischen Phrase für double tatsächlich: „Deutsch sein?!“ ist bunt!

Dr. Meike Wagner und Mascha Erbelding