double #35

Übersetzung

Deutsche Version des Essai en Francais „Théâtre et terrorisme“
double 35, Heft 1/2017, Seite 28/29; Nachdruck aus der französischen Zeitschrift für Kultur, Politik und Gesellschaft CASSANDRE/HORSCHAMP 104 – pour une Europe de la culture (2), Hiver 2016

Theater und Terrorismus

von Bruno Boussagol

„Was ich den Franzosen sagen möchte, ist, dass wir uns im Krieg befinden“ [1]
Mehr als die Verbrechen, die am Freitag, den 13. November im 11. Arrondissement von Paris verübt wurden, hat mich diese Aussage für lange Zeit innerlich erstarren lassen, so sehr, dass mir selbst das Verfassen dieser Chronik Schwierigkeiten bereitete.
Unfähig zu denken irrte ich zuerst wie alle von einem Fernsehsender zum anderen.
Verbale Zwangsjacke. Attentat. Krieg. Terrorismus. Djihad. Islamist. Moslem. Barbar. Daesch.[i] Araber… „Diese Worte morgens, mittags und abends einnehmen. Nicht nötig sie zu lesen, sie zu hören genügt. Vor allem, lassen Sie den Fernseher an. Die ganze Zeit. Ja, auch in der Nacht. Sie werden sehen, danach geht es Ihnen gleich besser.“
Depression.
Bagneux. Morgenrot.
Gestern suchte ich das Grab von Barbara. Riesiger Friedhof. Jüdischer Bereich. Familiengrab. Monique Serf, genannt „Barbara“. Eisiger Nieselregen. „Il pleut sur…“ [ii]
Morgenrot. Allein im Hotelzimmer, Augen rot vor Müdigkeit. Übelkeit. Dusche. Frühstück in der Bar an der Ecke. BFM TV [iii] bis zum Abwinken. Nicht mal die Kraft, Zeitung zu lesen. Wegfahren. Bleiben. Ich nehme meinen Kastenwagen und fahre los, ohne Ziel. Porte d’Orléans. Autobahn. Morgenfrost. Niemand da. Allein auf diesem Asphalt fahren. Fast allein. 500 Kilometer Non-Stop. Panorama-Kino, Musik, Sonne. Die Landschaft zieht vorbei, wie man sagt. Ozean. Austern und Weißwein. Fast allein im Restaurant. Nur ein schweigsames Paar.
Rückkehr nach Paris. Der Mond geht auf. Die Straßen sind so leer wie mitten in der Nacht.

Was ist passiert?
Gestern Abend, als die Verbrechen kein Ende nahmen, spielte ich meine Inszenierung „Die Auslöschung“ für das Festival „Auteurs en actes“ in Bagneux. Es war die Geschichte einer sehr alten Kommunistin (Résistance, Arche Noah, Kommunistische Partei, Ligue Communiste, Comité Juquin [iv] …), die ihre Worte vergaß, ihre Erinnerungen, die Lieder, die Personen, die aus ihrem Leben einen Schiffbruch der Widersprüche gemacht hatten. Meine Hypothese ist, dass diese Krankheit des Vergessens eine Entscheidung sein kann, eine Hingabe an diese Entscheidung. All dies erlebt zu haben (das Leben in der Sowjetunion, den Krieg, die Résistance, Mai 68, die Union der Linken…) um so zu enden? Damit es so weit mit der Welt gekommen ist?
Ab jetzt befinden wir uns im AUSNAHMEZUSTAND.

„Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ [2]
Victor Klemperer, Sohn eines Rabbiners, war ein deutscher Philologe, der von 1881 bis 1960 lebte. Ich empfehle wirklich, sein Werk und seine Biographie zu lesen. Er war es, der die Rolle der Sprache im „Dritten Reich“ enthüllte. Bemerkenswerterweise wurde sein persönliches Tagebuch der Ort, wo er die Transformationen, Manipulationen und das Abrutschen der Worte der deutschen Sprache während der zwölf Jahre des Nationalsozialismus versammelte. Als er seine Notizen nach dem Krieg wieder aufgriff, konstruierte er eine Art Theorie des Nazi-Neusprechs. Er hob hervor, dass Hitler und Goebbels nicht nur Worte erfanden, sondern sich der bereits bestehenden Sprache, der populären wie der romantischen, bedienten, um einen Wortschatz von bestimmten Ausdrücken und deren Variationen zu etablieren. Zum Beispiel, ausgehend vom Wort Volk, das von da an „das deutsche Volk ohne die Juden“ bedeutete. Alle verstanden das. Es ist das Wort, das ausschließt. Das ist konzeptionell. So gut, dass die Verbindungen des Wortes Volk, die Hitler verwendete, ohne dass man es aussprechen musste, den Ausschluss der Juden vom Volksfest, Volksgenossen, Volksgemeinschaft und vom immer noch berühmten Volkswagen bedeuteten.

Heute ist dieses Vorgehen komplett integriert in unsere Art zu denken. Die Werbung, wie die politische Kommunikation, aber auch der Journalismus und das Bildungswesen verwenden Worte weniger wegen ihrer Bedeutung sondern als Träger von Konzepten. Es ist die Herrschaft der Akronyme, der Wortverschmelzungen, der Slogans, der phonetischen Schreibweise, des Tweets.
Das geht so weit, dass man argumentieren kann ohne einen Satz zu bilden, einfach indem man Aneinanderreihungen von Worten verwendet, als würden sie sich gegenseitig beinhalten. Zum Beispiel Grenze – Identität – Sicherheit oder Immigration – Islamismus – Krieg.
Eine Rede zu halten, heißt diese Schlüsselworte zu verwenden und dabei die Eigenständigkeit so weit wie möglich zu beschränken.
Was ist am 13. November passiert?
François Hollande schöpft in seiner Fernsehrede, noch vor der Schießerei im Bataclan, – weil er selbst von echten Gefühlen ergriffen ist, weil er den Text nicht abliest, sondern weil er in gewisser Weise Der Text ist, weil er durch das Organigramm der Fünften Republik dazu berufen ist, symbolisch der Bevölkerung „einen Rahmen zu geben“ – aus den tiefsten Quellen des Neusprechs, um eine Folge von Silben / Worten / Gedanken / Phrasen abzuspulen, die einen Korpus, eine verbale Armierung konstruieren werden, die in der allgemeinen Angst verblüffen.
Bei 3′ 21″ (das ist fast auf die Sekunde die Dauer der weltweit gefeierten Anapher, die er vor einem gelähmten Sarkozy während der Fernsehdebatte zwischen den zwei Wahlgängen der Präsidentschaftswahl 2012 abspulte) benennt er die Situation, wirft einem die getroffenen Entscheidungen an den Kopf, bedroht andere potentielle Terroristen, ruft die französische Bevölkerung auf den Staat zu respektieren. Diese semantische Übung, wert in eine Anthologie aufgenommen zu werden, dieser rhetorische Haiku war nur möglich, weil die Fernsehzuschauer darin bewandert sind, Konzept-Wörter aufzunehmen, wie es terroristischer Anschlag, Neutralisierung der Terroristen, Entsetzen, Angst, Furcht, in Sicherheit bringen, Sicherheitskräfte, militärische Verstärkung, Ausnahmezustand, Schließung der Grenzen, Reiseverkehrsverbot, Hausdurchsuchung sind. François Hollande weiß besser als jeder andere, wie er die Worte der französischen Sprache anordnen muss, um die Bevölkerung zu beruhigen obwohl er sich in einem angsteinflößenden Diskurs befindet. Er benennt die Angst (Terrorismus), er bedroht die Angst (Neutralisierung der Terroristen), er schließt die Angst ein (Schließung der Grenzen), er beruhigt die Angst (Ausnahmezustand). Er hat den verfassungsmäßigen Rang, wo die Worte, die gesagt werden, Wirkung haben.
Somit werden nie wieder so viele Franzosen (6 820 147) für eine Partei mit der identischen Rhetorik gestimmt haben. [v]

Furcht und Elend des Dritten Jahrtausends
Bertolt Brecht schrieb in Zusammenarbeit mit Margarete Steffin Furcht und Elend des Dritten Reiches, ab 1935, während des aufhaltsamen Aufstiegs von Adolf Hitler. Als Theatermann hielt Brecht signifikante Momente des Alltagslebens in Worten fest. Bedeutende Darstellungen einer Angst, die notwendig geworden war, damit sich ein beruhigender totalitärer Diskurs konsolidieren konnte. Psychopathologie des Alltagslebens, dokumentarisches Theater par excellence, politisches Theater, Theater, das dem Zuschauer etwas bewusst macht. Das Stück wurde damals nicht in Deutschland gespielt, sondern kam 1938 in Paris zur Aufführung.
Man könnte sich versucht fühlen das Stück dem heutigen Geschmack anzupassen.
Die Brechtsche Lektion wäre wohl, heute die heimische Angst zu beschreiben.
Die Worte von heute, um diese Angst, in der Furcht vor dem Terrorismus zu leben, auszudrücken, denn worum handelt es sich?
Die Antwort ist: Nichts. Nichts zu sagen, nichts wurde gesagt, nichts ist zu sagen. Das was zu sagen ist, ist nicht nichts. Und es ist dieses Nichts, das den Angstknoten heute ausmacht.
Kein Dramatiker ist in der Lage, diese Angst zu benennen. Becketts Werk tat das vor dem Krieg, im Krieg und nach dem Krieg. Sarah Kane versuchte die Nachfolge anzutreten? Sie starb mit 29 Jahren. Suizid im Schreiben.
Wir erleben Die Katastrophe. Wir sind in der Katastrophe. Wir sind die Katastrophe. Man müsste eine Hierarchie in der Anordnung der Katastrophen finden. Terrorismus. Klima. Überbevölkerung. Armut. Sexismus. Korruption. Ausbeutung. Verschmutzung …
Es ist nicht mehr möglich. Sehen Sie, wie jedes Wort in dieser Reihe die anderen in sich beinhaltet. Die Hyperkompression des Sinns führt zum Verkümmern der Sprache, zu ihrer Reduktion, zu ihrem Verschwinden.
Und gleichzeitig häufen sich 9 Millionen Säcke mit radioaktivem Müll rund um Fukushima. 9 Millionen, jeder eineinhalb Kubikmeter groß und es gibt keinen Grund dafür, dass das aufhört.
Was passiert, hat das menschliche Maß überschritten, und Gott ist definitiv nichts, wenn das Atom wütend wird..

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[1] Manuel Valls in der Nachrichtensendung um 20 Uhr, TF1, Samstag 14. November 2015
[i] Abwertendes arabisches Akronym für den sogenannten„Islamischen Staat“
[ii] Verweis auf die Chansonsängerin Barbara (1930-1997) und ihr Lied „Il pleut sur Nantes“, in dem sie über den Tod ihres Vaters singt.
[iii] Französischer Nachrichtensender
[iv]Das Réseau Alliance, auch Arche Noah genannt, war eine Gruppe der französischen Résistance, die in Zusammenarbeit mit dem britischen Secret Service Spionage betrieb. https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%A9seau_Alliance
Die Ligue Communiste war eine trotzkistische Partei, die von 1974 bis 2009 in Frankreich bestand. https://de.wikipedia.org/wiki/Ligue_communiste_r%C3%A9volutionnair
Pierrre Juquin, Mitglied des Politbüros der kommunistischen Partei, wurde 1987 aus der Partei augeschlossen und trat mit Hilfe diverser Unterstützungskomitées zur Präsidentschaftswahl 1988 an. Später ging der Politiker zu den Grünen. https://fr.wikipedia.org/wiki/Pierre_Juquin
[2] Victor Klemperer, LTI, la langue du III‘ Reich. Carnets d’un philologue (1947), Paris, Albin Michel, coll. Pocket, 2003, S. 40. (LTI./Lingua Tertii Imperii. Notizbuch eines Philologen. Berlin 1947)
[v] So viele Stimmen bekam der Front National bei den Regionalwahlen 2015.