double #32

Editorial

“Sometimes I film my drawings or make a theater production. But the process is still like drawing. If someone would ask me “How would you do X?”, I havn’t got a clue. The answer comes from the physical activity on paper. It’s working from the center outward.” (Der südafrikanische Künstler William Kentridge in einem Interview in der New York Times, 29.02.04)

Hier geht es um eine künstlerische Arbeitsweise, die dem Verständnis von Theaterprobe im 19. Jahrhundert wahrscheinlich sehr fremd war: aus der Intuition schöpfen, ohne Textvorlage, womöglich Szenisches aus vager bildnerischer Imagination entwickeln, aus der Bewegung, aus Rhythmen oder zufälligen Umständen – und gar aus technischen Unzulänglichkeiten Konfliktstoff exzerpieren. Das mochte man vielleicht dem Puppentheater als kindlich apostophierter Kunst zugestehen, wie Christoph Lepschy in seinem Beitrag zu Goethes Theaterroman „Wilhelm Meister“ zeigt. Die Vorbereitung einer Schauspielaufführung hingegen konzentrierte sich ganz auf das Memorieren und Deklamieren des Textes.Heute konstituiert sich die Auffassung von der Probe als Möglichkeitsraum und behauptet gegenüber der schlussendlich entstehenden Produktion einen Eigenwert der künstlerischen Entwicklungsprozesse. Das zeitgenössische Puppen- und Objekttheater findet gerade über sein Verständnis von Probe als ergebnisoffenes – meist auch bildgestalterisches – Versuchlsabor, wie es Markus Joss beschreibt, zu oft überraschenden Darstellungslösungen. Dabei stößt es allerdings im Rahmen etabalierter Theaterstrukturen (Schauspielhäuser) teilweise an Grenzen, die u.a. durch festgeschriebene Probenabläufe und Zeitfenster gezogen werden.

Weitergehende Öffnungen der Probensituation auf die Vorstellung hin und umgekehrt, der bewusst erzeugte Mangel an Sicherheit auf der Bühne, der dem Zufall auch in hoch formale und durchkomponierte Inszenierungen Einlass gewährt, werden im Gespräch mit der Regisseurin Gisèle Vienne ebenso thematisiert wie im Beitrag der Performerin Eva Plischke. Grundsätzliche Überlegungen zur Probe als energetischen Prozess stellen Meike Wagner und Wolf-Dieter Ernst an. Einen Einblick in besondere Probenbedingungen, die schöpferische Energien befördern, gibt Silvia Brendenals Bericht über eine Künstlerresidenz auf den Lofoten. Und in Heiki Ikkolas Reflektionen über die Arbeit an „Ruanda Memory“ rückt auch die Problematik des künstlerischen Umgangs mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen in den Blick: mit der Gemengelage von Gewalt, Flucht, Schuld und eigener Verstrickung.

Der den Thementeil abschließende Bericht über die Arbeitsweisen des internationalen Studierendentreffens in Straßburg schlägt einen Bogen zum französichsprachigen Essay (beide befassen sich mit dem Komplex Körper-Objekt-Bild) und auch zur Rubrik „Next Generation“, in der es um Experimentierlust der Nachwuchskünstler und konzeptionelle Tendenzen geht. Die Stippvisite führt dieses Mal in die rumänische Puppentheaterszene und gejubelt wird in Leipzig – wo der Westflügel seit nunmehr zehn Jahren als Produktionszentrum für Figurentheater reüssiert.

Anke Meyer und Katja Spiess

Underwatersolargrau. Diese Ausgabe von double wird von Arbeiten der Künstlerin Sabine Wassermann begleitet.
Sie experimentiert mit assemblageartigen Kompositionen, die fotografiert und digital bearbeitet werden.