double #29

Editorial

Fotografie und Theater. In seinem vielzitierten Büchlein „Die helle Kammer“ sieht Roland Barthes einen engen Zusammenhang zwischen beiden in „einer eigentümlichen Vermittlung (vielleicht bin ich der einzige, der es so sieht): der des TODES.“ Das Theater habe sich aus dem Totenkult entwickelt, Schminke und Maske kennzeichnen den Körper „als einen zugleich lebenden und toten“. Entsprechend begreift Barthes die Fotografie als „eine Art urtümlichen Theaters, eine Art von ‚Lebendem Bild’: die bildliche Darstellung des reglosen, geschminkten Gesichtes, in der wir die Toten sehen.“

Folgt man dieser These, ergeben sich Fragen auch im Hinblick auf die Fotografie von Figurentheater. Hier stellt das Foto (wieder) still, was auf der Bühne durch Bewegung und Animation überhaupt erst zu scheinbarem Leben erweckt worden ist. Geht auf Fotografien also unweigerlich verloren, was einen Reiz des Puppen- und Objekttheaters ausmacht, der Wechsel der Wahrnehmung, die „double vision“, die verschwimmenden Grenzen zwischen Leben und Tod? Oder handelt es sich um ähnliche Mechanismen: Weil Betrachter sich stets bemühen, wie Barthes schreibt, „etwas Lebendiges zu sehen (und diese Verbissenheit, mit der man ‚Lebensnähe’ herzustellen versucht)“.

So finden sich in diesem Heft zahlreiche Gesichter, Masken und Porträts. Etwa die „Selbstporträts“ der britischen Künstlerin Gillian Wearing mit Masken ihrer „Alter Egos.“ Oder die Fotografien der Wachsfiguren von Madame Tussauds, mit denen der japanische Starfotograf Hiroshi Sugimoto die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie verwischt. Oder Volker Gerlings Daumenkinos, die man als Betrachter quasi kinematografisch selbst zum Leben erweckt. Zur Fotografie von Figurentheater kommen die Macher selbst zu Wort: Künstler reflektieren, was für sie ein gelungenes Bild ihrer Inszenierung sein könnte, oder fragen sich, inwieweit man ihre Arbeiten als „bildende“ oder „darstellende“ Kunst begreifen – und fotografieren – müsste. Fotografen berichten von ihren Perspektiven (oder lassen Betrachter und ihre Bilder selbst sprechen) und für kurze „AugenBlicke“ verweilen die Gedanken auf ausgewählten Fotos von 1905 bis heute. So sind, oder werden, die Bilder zum Spiegel ihrer Zeit.

Der zweite Teil des Heftes lädt ein auf eine Reise durch ganz Deutschland: nach Köln, wo Moritz Sostmann seinen erfolgreichen Einstand am Schauspielhaus gegeben hat, nach Dessau, wo sich das Bauhaus seiner Bühnenexperimente vergewissert, nach München, wo im Asyl Stadtmuseum der Begriff „Decolonize“ ernst genommen wird und ins thüringische Steinach, wo ein Theatrum Mundi eine Gemeinde bewegt. Und es darf gejubelt werden: double feiert seinen zehnten Geburtstag und hat von Tobias Prüwer eine Materialsammlung geschenkt bekommen. Mit Blicken in die nationale und internationale Figurentheaterszene und über den Tellerrand hinaus, darauf, was Performance-Künstler mit Puppen oder Puppen mit Performance-Künstlern anstellen, stellt sich auch die Jubiläumsausgabe dem Anspruch, die aktuellen Entwicklungen und vielfältigen Spielarten des Genres kritisch zu begleiten.

Ganz am Ende dieser Ausgabe steht aus traurigem Anlass noch eine Fotobetrachtung, ein AugenBlick, der zu einem Nachruf geworden ist: Über das Bild huscht, wie ein Geist im Verschwinden, die im Dezember verstorbene Figurenspielerin Mo Bunte.