double #28

Editorial

Wenn Ryoji Ikeda in seiner Installation „test pattern [100 m version]“ literarische, musikalische und bildnerische Werke zu bar codes umrechnet, diese als überdimensionale, rhythmisierte Schwarz-Weiß-Projektion durch eine 100 Meter lange Halle schickt, eine hämmernde, treibende Musik dazu komponiert und die Besucher diesem Sog überlässt, dann ist das auch als ästhetisches Statement zur ökonomischen Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche zu lesen. Diese und andere so komplexe wie packende künstlerische Installationen waren auf der von Heiner Gobbels verantworteten Ruhrtrienale 2013 wochenlang bei freiem Eintritt zugänglich (und hervorragend besucht). Hierin könnte man ebenfalls einen Kommentar zur sich stetig verfestigenden „marktwirtschaftlichen“ Zurichtung der Künste und zur vermeintlich elitären Zielgruppe von Festivals erkennen.

Wie steht es also um das Verhältnis von Ökonomie und Kunst, macht die Omnipotenz des Marktes aus der Demokratie eine Postdemokratie? Bei der tastenden Suche nach Antworten, richten die Autoren dieser Ausgabe ihre Blicke nicht nur auf die deutsche Figurentheaterlandschaft, deren künstlerische Selbstbehauptung angesichts poröser werdender finanzieller Rahmenbedingungen immer schwieriger wird, sondern interessieren sich auch für Situationen jenseits des nationalen Tellerrands; vor allem jene, die sich historisch einmal als Orte künstlerischer Freiheit markiert und damit einige Bewunderung auf sich gezogen hatten.

In Westeuropa gilt dies sicher für die Niederlande – und seine Produktionsstätten von (Figuren-)Theater; schaute man doch – geprägt von der Geschichte und Dominanz des deutschen Stadt- und Staatstheatersystems – immer ein wenig neidisch auf die inspirierenden Netzwerke und ihre flexible Infrastruktur. Seit einiger Zeit allerdings sieht sich der dortige Kunstbetrieb radikalen Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen ausgesetzt, die unabsehbare Konsequenzen mit sich bringen.

Ungarn war in Osteuropa lange ein Ort individueller Aufsässigkeit; immerhin wurde hier durch das Zerschneiden der Grenzzäune das Ende der Trennung in zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke eingeleitet. Doch statt einer Fortsetzungsgeschichte dieser pan-europäischen Idee vernimmt man immer mehr nationalistische Töne aus Budapest, gepaart mit marktradikalen Maßnahmen. In double geben wir Akteuren der ungarischen Puppentheaterszene Raum für ihre Stellungnahmen.

Und aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir einen Bericht über die Situation freier Theater in Istanbul, wo eine junge, urbane und gebildete Mittelschicht jüngst gegen die Vernichtung öffentlichen Raumes protestierte und sich damit auch eindrucksvoll gegen die ökonomische Devise des Wachstums um jeden Preis stellte.

Weniger als Marktplatz denn als Begegnungsraum erscheinen die im weiteren besprochenen Festivals in Erlangen, Apt, Hannover, Bochum und Stuttgart. Und keinesfalls als reine Konsumenten wünscht sich der englischsprachige Essay von Isabelle Kessler die Zuschauer. Darin dürfte sie sich mit den in diesem double porträtierten Preisträgern und Jubilaren einig sein.

Ihnen allen rufen wir zu „Gegen marktkonforme Theater! Für theaterkonforme Märkte!“(1)

1 In Abwandlung eines Titels von Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte. Berlin/München 2012.