double #26

Editorial

Im Kleistjahr 2011 wurde in diversen Publikationen und Veranstaltungen über die Aktualität der Texte von Heinrich von Kleist nachgedacht, u.a. auch auf einem kleinen Symposium im Rahmen des internationalen Figurentheaterfestivals in München im Herbst 2011, bei dem ein Teil der in diesem Heft abgedruckten Texte erstmals vorgestellt wurde. Kleist berührt, inspiriert, provoziert heute noch, so der Germanist Justus Fetscher, weil wir bei ihm einen Sinn für das Grenzwertige, für das Umschlagen legaler in illegale
Handlungen, für das gesellschaftlich Randständige finden. Gleichzeitig formuliere Kleist das Rauschhafte, die Sucht nach extremen physischen Erfahrungen, die auch unsere Gesellschaft kennt. Kleists Texte seien grundsätzlich unauslotbar und daher nie völlig zu Ende zu lesen, jede neue Lektüre bleibe spannend und fordere den heutigen Leser immer noch heraus.

Unvermittelt tauchen vor dem Auge Bilder auf von Stücken, von Figuren aus Novellen, die genau diese Topoi verkörpern und sich uns als Heutige, Sinnsuchende, Grenzen Auslotende in den Weg stellen. Ja, das geht uns durchaus etwas an und beschäftigt uns. Aber was ist mit einem Text wie „Über das Marionettentheater“? Nehme ich ihn als Teil einer abgelebten Literaturgeschichte zur Puppe wahr, als historischen Beitrag zu einer Existenzphilosophie? Oder stimuliert er noch heute mein Nachdenken, meine Praxis über/in/mit der Puppe? Ist es noch möglich, von Kleist interessante Anstöße zum Nachdenken über das Figurentheater zu bekommen?

Diese Gedanken haben die Double-Redaktion veranlasst, die Puppenspieler Frank Soehnle, Karin Schäfer, Michael Vogel und Julika Mayer nach ihrem Bezugspunkt zu Kleists Marionettentext zu fragen. Hier zeigt sich, welche Bedeutung Kleist für die heutige Figurentheaterpraxis noch hat. Dass Kleist für die Theaterwissenschaft durchaus noch nicht völlig ausgelotet ist, belegen die Beiträge von Didier Plassard, der Kleist in einen spannenden Zusammenhang mit Edward Gordon Craig setzt, von Christoph Lepschy, der den Prothesenkörper bei Kleist als Herausforderung an eine idealistische Ästhetik erläutert, von Gerrit Münster, der Kleists Mechanikus als Vorbild für die moderne Robotik versteht, von Lars Rebehn, der uns enthüllt, welches Puppentheater Kleist denn nun wirklich beim Schreiben vor Augen hatte und von Meike Wagner, die den Kleist-Faden in der Puppentheorie der 1930er sucht und ihn als Legitimation einer künstlerischen Sicht auf Puppen findet. Den Kleist Thementeil abschließend berichtet Anna-Sophia Fritsche über eine aktuelle performative Umsetzung des Kleist-Textes von Billy Burns und Victor Morales am Gorki-Theater in Berlin. Edward Gordon Craig ist auch Thema in zwei weiteren Beiträgen des Heftes, ausgehend von der erstmaligen Publikation seines „Drama for Fools“. Einen Einblick in das Figurentheater im Iran erlauben die Beiträge von Annette Dabs und Shiva Massoudi. Als Hommage an die Theaterwissenschaftlerin Brunella Eruli, die in diesem Sommer verstorben ist, drucken wir eines ihrer letzten Editorials unter der Rubrik Essay en français nach und würdigen sie mit einem Nachruf. Zum jeweils 40-jährigen Jubiläum gratulieren wir der dänischen Gruppe 38 und dem Studiengang Puppenspielkunst der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Dass das Figurentheater noch lange nicht am Ende des Fadens angekommen ist, zeigen Festivalberichte aus Bochum, Baden und Straßburg und Rezensionen aus Bautzen und Belgien.