double #21

Editorial

double-21_coverFrankreich
Länderschwerpunkt

Heft 3/2010

Gespräch: Regie
Portrait: Puppentheater Plauen-Zwickau

Quoi de neuf? – Im Westen viel Neues? Leben wie Gott in Frankreich – diese, im Übrigen nur in Deutschland gebräuchliche Redewendung, kommt einem als deutscher »Programmateur« unwillkürlich in den Sinn, ist man auf einem der großen französischen Figurentheaterfestivals zu Gast. Hier kann man sich manchmal, umringt von Menschen, die angeregt und engagiert über ihre Kunst diskutieren, wirklich so fühlen, als sei das Figurentheater der Nabel der Welt. Der leichte Neid der Deutschen auf die »Kulturnation« Frankreich im Westen, wo Kunst einen viel höheren Stellenwert zu haben scheint, hat fast schon Tradition. Aber entspricht dieser Eindruck den Tatsachen? Oder idealisiert da der Blick des Nachbarn über den Zaun?
Wer könnte uns besser sagen, ob in Frankreich das Gras tatsächlich grüner ist für das Figurentheater, als diejenigen, die den Sprung über die Grenze gewagt haben? Wir haben daher die Figurentheater-Künstlerinnen Julika Mayer, Bettina Vielhaber und Ilka Schönbein – drei deutsch-französische Grenzgängerinnen – befragt, warum sie nach Frankreich gegangen sind, wo sie ihre künstlerische Heimat sehen – und ob sie den goldenen Boden der Puppenspielkunst gefunden haben. So haben wir unter anderem erfahren, dass es durchaus eine Polarisierung zwischen ausgefeilter französischer Bild-Ästhetik und deutscher eher emotionaler Publikumsansprache gibt. Quer dazu verhält sich unserer Meinung das Objekttheater, das ja als ursprünglich französischer Export schon seit mehr als 30 Jahren die europäische Puppenszene bereichert. Jean-Luc Mattéoli bringt in seinem Beitrag für uns die Ästhetik und Reichweite dieser Spielart auf den Punkt. Was es Neues gibt in Frankreich, haben uns Grégoire Callies, Sébastien Lauro Lillo und François Lazaro aus der Sicht von Mentoren über ihre Schützlinge berichtet. Diese mit staatlichen Mitteln gestützte Art der theaternahen Nachwuchsförderung setzt hier immens wichtige Impulse für das Figurentheater. Auf dem Nachwuchsfestival »Scènes ouvertes à l‘Insolite« in Paris, von dem Katja Spiess und Anke Meyer berichten, waren einige dieser geförderten Spieler präsent. In die gleiche Richtung zielt das ambitionierte französische Projekt eines Webportals für Figurentheater. Auch wieder staatlich gefördert, haben sich die großen Archive und Dokumentationszentren des Figurentheaters mit den wichtigsten französischen Theater-Compagnien zusammengetan, um das Puppenspiel ins Internet zu bringen. Frankreich setzt hier Impulse, die letztlich für ganz Europa eine Rolle spielen könnten. Möglich wurden diese Projekte durch die Zusammenarbeit aller Akteure der französischen Figurentheaterszene – zeigt uns Frankreich hier den Weg?
Aber wir schauen auch auf das Geschehen außerhalb Frankreichs: Im zweiten Teil des Heftes widmen wir uns weltweit agierenden Theatermachern, wie Stefanie Oberhoff und Wieland Jagodzinski, die mit ihren Arbeiten in Afghanistan und im Kongo zeigen, wie Kunst Hilfe zur Selbsthilfe sein kann. Wir besuchen internationale Gastspiele, die auf deutschen Festivals den Kultursommer bereicherten und figurentheatrale Momente produzierten, wo man sie zunächst gar nicht vermuten mochte. Und wir schauen auf Häuser, die fest in ihrer Region verwurzelt sind und an denen Leitungswechsel neue Impulse in etablierte Strukturen gebracht werden und sich Bestehendes weiterentwickelt.

Mascha Erbelding, Meike Wagner und Tim Sandweg