double #14

Editorial

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Lebensläufe

Heft 2/2008

Festivals: Bologna, Paris, Aarhus (Dänemark)
Inszenierungen: Neuchâtel (Schweiz), Leipzig, Nürnberg

»Ein Schauspieler, so der Dichter und Philosoph des Absurden, Albert Camus, schleiche sich ein in die imaginäre körperliche Gestalt seiner Wesen und leihe unseren Phantomen sein Blut. Was uns ins Theater zieht, hat demnach mit Neid und Sehnsucht zu tun – denn der Schauspieler verwirklicht, was wir träumen: das Wagnis, wenigstens ein einziges Mal grundlegend die Daseinsspur zu wechseln. So offenbart das Spiel, das vor aller Augen auf der Bühne abläuft, jene Wahrheit, die der Alltag meist verweigert: Jeder Mensch trägt mehr als nur ein einziges Leben in sich.«
(Hans-Dieter Schütt, in: Inge Keller, Alles aufs SPIEL gesetzt)

Jeder Mensch weiß von diesem Potential, hat er doch in seiner Biografie Entscheidungen getroffen, die seinem Leben die Richtung gegeben haben. Für einen Partner, einen Beruf, einen Ort. Jede dieser Entscheidungen hätte auch anders aussehen können: Die imaginären Wege, jene Wege, die wir an einer bestimmten Abzweigung eben nicht beschritten haben, die stillgelegten Routen unserer Existenz, unterwandern beständig unser Bewusstsein. In unseren Sehnsüchten bleiben sie präsent. Aus diesem Grund sind die Wendepunkte eines Lebenslaufes in besonderem Masse aufschlussreich, nicht nur im Hinblick auf die tatsächlich gelebte Biografie, sondern auch unter dem Aspekt ihrer Legitimation. Schließlich sind es häufig jene Momente, in denen sich individuelle und gesellschaftliche Bewegungen oder Brüche zu einander in Bezug setzen lassen. Das Persönliche wird im Horizont seiner Zeit wahrnehmbar.
Das gilt natürlich in besonderem Maße für öffentliche Menschen, und noch mehr vielleicht für die Theaterkünstler, die nicht umhin können, Leben und Kunst beständig neu zueinander ins Verhältnis zu setzen. In einem einleitenden Essay zu unserem Schwerpunktthema umreißt der Literaturwissenschaftler Christian Klein grundlegende Fragen zur Situierung biographischer Texte zwischen Fakt und Fiktion, zwischen »Inszenierung« und »Wirklichkeit«. Es schließt sich ein Panorama von Interviews, Porträt und Selbstporträt von Puppenspielern und Regisseuren an, die fragmentarisch und sprunghaft Einblick in ihre Lebensläufe geben. Da erzählt Marcel Cremer von seiner für die Arbeit konstitutiven Entscheidung für den Ort St. Vith, Hans-Jochen Menzel vom Wunsch eines Physikstudiums, der sich in einem künstlerischen Konzept wiederfindet, das die Konstruiertheit der Puppe mit der grundlegenden Konstruktion des Seins in Bezug setzt; Wiebke Holm berichtet vom Leben und Arbeiten zwischen zwei Welten, Südafrika und Deutschland, und der Auseinandersetzung mit den divergierenden Wahrnehmungsmustern, über eine ähnliche Erfahrung verfügt auch Anurupa Roy, Reisende zwischen den Kontinenten Indien und Europa, die daraus eine soziale Verantwortung ihrer Arbeit begründet. Sie alle erzählen von der einzigartigen Verbindung, die jedes Leben mit seiner Zeit eingeht: »Menschen haben zweierlei Eigentum: ihre Lebenszeit, ihren Eigensinn.« (Alexander Kluge) Darüber hinaus bietet das vorliegende Heft Berichte von internationalen Festivals Neben einem Einblick in die herausragende Theaterkultur Dänemarks beim DANISH+, finden Sie zwei Berichte über Festivals mit Theaterarbeiten für die Allerkleinsten (ab 2 Jahren).
Silvia Brendenal, Christoph Lepschy