double #13

Editorial

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kleinKUNST

Heft 1/2008

Festivals: Bochum, Braunschweig, München, Berlin
Buchbesprechung:  Freyer – Theater

Alice öffnete die Tür und sah in einen engen Gang, nicht breiter als ein Mauseloch: sie kniete nieder, und durch den Gang konnte sie in den wunderschönsten Garten sehen, den du dir nur ausdenken kannst. Wie sehnte sie sich danach, aus dem dunklen Saal herauszukommen und zwischen diesen leuchtenden Blumenbeeten und erfrischenden Springbrunnen herumzuspazieren, aber sie konnte nicht einmal ihren Kopf durch die Türöffnung zwängen; »und wenn ich meinen Kopf durchbekäme«, überlegte Alice, »so wäre das ohne meine Schultern wenig sinnvoll.« (Lewis Carroll, Alice im Wunderland). Den Wunsch, sich wie Alice in – wenn auch nicht immer nur wunderschöne – Miniaturwelten zu begeben, einmal Riese zu sein, einen radikalen Perspektivwechsel in der Verschiebung der Maßstäbe zu erleben oder in geheimnisvolle Mikrowelten einzudringen, kennt wohl jeder.
Alice gegenüber hat der Zuschauer im Figurentheater allerdings den Vorteil, dass er die Reise in die winzigsten Parallelwelten ganz ohne Größenänderung mithilfe von mysteriösen »Trink mich«-Flaschen antreten kann – eine Reise nur in seinem Kopf, der auf den Schultern bleiben darf.
Verkleinerung gehört (fast immer) zu den Grundvoraussetzungen des Figurentheaters – vielleicht sogar jeder Kunst, wie Jörg Baesecke in seinem »Lob der kleinen Form« Claude Lévi-Strauss zitiert. Das Mikro- oder Miniaturtheater treibt diesen Prozess ins Extreme, spielt mit unseren Maßstäben, behauptet den ästhetischen Mehrwert des Allerkleinsten, auch des Kurzen und Improvisierten, und irritiert immer wieder die an bestimmte Größenordnungen geknüpften Erwartungen. So stellt Susan Simpson in ihrem Beitrag ein gerade in seiner Winzigkeit grausam anmutendes Theater vor, Barbara Räderscheidt berichtet über die künstlerische Herausforderung der Arbeit mit kleinsten Bühnen, und Amit Droris »Reise der Maßstäbe« führt von Liliput in die Weiten des Kosmos.
Zwei Premieren hat double 13 in eigener Sache zu melden: Verantwortlich für den Thementeil dieses Heftes ist erstmals das jüngste Redaktionsmitglied, die Münchener Dramaturgin Mascha Erbelding. Ebenfalls zum ersten Mal liegt eine Ausgabe mit englischen Summaries aller Artikel vor, die am Ende des Heftes versammelt sind – Anlass für diese Neuerung ist der UNIMA-Kongress mit Weltfestival in Perth, Australien, wohin ein Teil der aktuellen double-Ausgabe reisen wird. Aus demselben Anlass gibt es einen Schwerpunkt »Internationale Figurentheaterfestivals in Deutschland«, der neben Berichten aus Bochum, Berlin, Braunschweig und München einen komprimierten Einblick in die deutsche Festivallandschaft gibt. Zu diesem Thema wird das Deutsche Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst in Perth auch eine Informationsveranstaltung anbieten. Wir wünschen Kongress und Festival viel Erfolg und Lesern und Leserinnen eine vergnügliche Reise ins Wunderland des Kleinformats!

Mascha Erbelding, Anke Meyer