double #05

Editorial

Dramaturgie im Puppen- und Figurentheater

Heft 2/2005

Festivals: Barcelona, Lodz, Straßburg
Bühne:  Oldenburg


„Es fehlt an dramaturgischer Struktur!”, rufen Rezensenten, Regisseure und Zuschauer den Figurentheater-Machern zu. Und haben damit häufig Recht. Fast ebenso häufig aber auch nicht. Denn die Diagnose einer schwachen Dramaturgie geht nicht selten von einem Dramaturgie-Begriff aus, der dem Wesen und den strukturellen Gegebenheiten des Figurentheaters nicht gerecht wird. So leiten sich viele dramaturgische Prinzipien aus dem Primat des Textes ab, was in einer bildorientierten und oftmals eher musikalisch-choreographisch aufgebauten Theaterform nur bedingt greift. Auch der Hinweis auf eine fehlende Fabel, auf eine unzureichend kausallogisch organisierte Erzählform, scheint der Intention mancher Figurentheater-Inszenierung diametral entgegenzulaufen. Also: „Ein Lob der offenen Struktur! Es folge, wer folgen kann!” Was aber, wenn die Zuschauer zurück bleiben?

Wenn die einen im Labyrinth einer nach rätselhaften Gesetzen funktionierenden Theaterform herum irren und sich dabei ziemlich verloren vorkommen und andere sich mit optischen Genüssen begnügen oder womöglich schon beim ersten Anblick der unbekannten, verschlungenen Pfade den Rückzug antreten? Wie könnte wohl der Ariadne-Faden aussehen, der die Zuschauer durch dieses Labyrinth geleitet, ohne ihnen die Verantwortung für ihren eigenen Weg zu nehmen? Wenn sich denn eine Dramaturgie des Figuren- und Objekttheaters umreißen ließe, aus einem einzigen Faden würde sie wohl nicht bestehen. So versammelt das vorliegende Heft einige Überlegungen zu diesem Thema, die unterschiedliche Fragestellungen nach dramaturgischen Prämissen des Figurentheaters aufwerfen und dafür individuelle, streitbare Antworten versuchen und die, trotz manchmal gegensätzlicher Perspektiven,deutlich Berührungspunkte aufweisen. So entwickelt der Autor und Regisseur Yves Baudin Thesen zum Verhältnis von dramatischer Struktur und szenischer Komplexität, aus denen er modellhaft eine spezifische Dramaturgie des Figurentheaters abzuleiten sucht. Die Theatermacher Tristan Vogt und Joachim Torbahn wiederum versuchen, dramaturgische Prinzipien aus der praktischen Theaterarbeit heraus zu beschreiben. Dem Phänomen des Erzählers als vermittelnde Instanz ist der Artikel der Theaterwissenschaftlerin Meike Wagner gewidmet, der das Figurentheater als „epische Theaterform” befragt. Mit der Schwierigkeit, eine zutreffende Begrifflichkeit für die Dramaturgie des Bildertheaters zu (er)finden, beschäftigt sich der Artikel des bildenden Künstlers Joachim Fleischer. Und schließlich schildert Bernd Dittrich den Alltag eines Dramaturgen am Puppentheater in Hinblick auf seine genrespezifischen Besonderheiten. Bewusst haben wir in diesem Heft vor allem Theater-Macher zu Wort kommen lassen, um die Entwicklung dramaturgischer Prinzipien stets auf die konkrete Inszenierungspraxis zu beziehen.Viele der formulierten Positionen beleuchten daher einen bestimmten Ausschnitt ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Vielleicht ist aber auch der Dramaturgie des Figurentheaters eher die von Marianne van Kerkhoven als „Puzzle” benannte Struktur zueigen.Und vielleicht ist der Ariadne-Faden ja nicht nur für Dramaturgen und Theatermacher, sondern auch für Zuschauer durch „Vertrauen in die Wege der Intuition” zu finden.

Katja Spiess und Anke Meyer