double #36

Editorial

Posttraumatisches Theater?
Trauma, Therapie und Figurentheater

Theater und Therapie im 21. Jahrhundert seien wie „distanzierte Geschwister“, so der Theaterwissenschaftler Matthias Warstat. Obwohl viele Theaterprojekte der Avantgarde im 20. Jahrhundert in therapeutischer Absicht auf gesellschaftliche Krisen Bezug genommen hätten, herrsche nach wie vor große Skepsis auf beiden Seiten. Theater und Therapie seien nur in dem Falle „miteinander verträglich“, wenn weder die Autonomie der Kunst noch das Verfahren und das Instrumentarium der Therapie absolut gesetzt würden. In den letzten Jahren lässt sich jedoch eine Annäherung dieser beiden so gern antagonistisch gesehenen Verwandten vor dem Hintergrund individueller wie gesellschaftlicher Krisen ausmachen. Eine Ausdifferenzierung psychosomatischer Krankheitsbilder, ein steigender Bedarf an Therapieangeboten sowie die Notwendigkeit von Trauma-Arbeit angesichts weltweiter Kriegseinsätze und Migrationsbewegungen sind zu verzeichnen. Und auch das Theater bedient sich – in Anbetracht der jüngsten gesellschaftlichen Krisenerscheinungen – diverser Spielarten, die im Gegensatz zum postdramatischen Diktum der „Desorientierung“ und des Widerstands die ästhetische Autonomie in Frage stellen und nach Moral, Engagement und Lösungen suchen. Kann das postdramatische Theater von posttraumatischen Aufarbeitungsformaten lernen?

Der Thementeil dieser double-Ausgabe nimmt verschiedene Spielarten der Annäherung therapeutischer und theatraler Formen im Bereich des zeitgenössischen Puppen-, Figuren- und Objekttheaters in den Blick. Auf ein Interview zu Historie und theatralen Aspekten der Psychotherapie folgen Reflexionen über mögliche Repräsentationsformen von Genoziden und gesellschaftlichen Traumata wie Euthanasie oder Flucht. Einem Einblick in die Praxis des therapeutischen Figurenspiels stehen die Ansätze verschiedener Künstlerinnen und Künstler gegenüber, die Aspekte des Heilens ins Zentrum ihrer Arbeit stellen – von psychomagischen und objektbasierten Heilritualen bis hin zur theatralen Simulation psychischer Krankheitsbilder.

Im zweiten Teil des Heftes unternehmen die Autorinnen und Autoren Ausflüge zu Festivals nach Erlangen, Hamm und Jerusalem und in die französische Figurentheaterszene. Die vorgestellten Inszenierungen geben jeweils auf eigene Weise Einblicke in prekäre, mitunter traumatische Lebensumstände und deren Hintergründe. Darüber hinaus blickt diese Ausgabe zurück auf die Werkschau von Mette Ingvartsen am HAU und die avantgardistischen Marionetten der Künstlerin Sophie Taeuber-Arp, beleuchtet die Debatten am Puppentheater Magdeburg über die kulturpolitische Landschaft in Deutschland und berichtet vom double-Diskurs in Erlangen, der die potenzielle Zeitgenossenschaft der Puppe befragte.

Eine anregende und heilsame Lektüre wünschen
Michael Isenberg, Christina Röfer und Almut Wedekind