double #35

Editorial

Der Puppe in den Mund gelegt?
Texte im Figurentheater

„Eine Besonderheit meiner Figuren ist, daß sie stumm sind – genau genommen sind das ja alle Marionetten; wie sollten sie auch reden können, da sie doch aus Holz sind (…) Seit den allerersten Anfängen meines Marionetten-Fimmels war ich der Ansicht, daß die lebensgroße natürliche Menschenstimme im Format nicht zur kleinen bewegten Kunstfigur paßt. Hier, glaube ich liegt die Inkongruenz!“ [1]
Richard Teschner

Während der Wiener Figurenspieler Richard Teschner, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Figurentheater zu erneuern suchte, von Figuren gesprochene Sprache auf der Bühne strikt ablehnte – seine Stücke waren Pantomimen –, hielt der belgische Dramatiker Maurice Mæterlinck, der auch Stücke für „Marionettentheater“ veröffentlichte, in seinem 1890 erschienenen Aufsatz „Androidentheater“ [2] nur „Wesen ohne Leben“ für fähig, Dichtung auf die Bühne zu bringen. Alfred Jarry wiederum setzte für die Groteskästhetik seines „König Ubu“ auf Stimmverfremdung mit einer Rohrpfeife, ähnlich der Zungenpfeife von Punch oder Pulcinella. Einig jedoch waren sich alle in ihrer Ablehnung der zeitgenössischen Theaterpraxis und in ihrer Suche nach der besonderen Qualität der unbelebten Figur. Denn auf keinen Fall sollte ihr (Figuren-)Theater ein nachgeahmtes Menschentheater sein.
Die zugleich schwierige und fruchtbare Beziehung von Figur/Objekt und Sprache war und ist immer wieder Anlass für eine Befragung der ästhetischen Qualitäten des Puppen- und Objekttheaters, so auch in diesem Heft. Markus Joss untersucht, welches darstellerische Potenzial sich just aus der von Teschner angenommenen „Inkongruenz“ erschließen lässt. Der Theaterautor Marc Becker sinniert im Selbstgespräch über die Herausforderung, für ein Kaspertheaterensemble zu schreiben. Der Puppenspieler Christoph Bochdansky verweigert sich produktiv und poetisch (scheinbar) der analytischen Distanz. Die Beiträge der französischen Regisseurinnen Émilie Flacher und Bérangère Vantusso widmen sich den dramaturgischen Reibungsflächen von Romantexten und Puppen in ihrer eigenen Inszenierungsarbeit; die polnische Adaption eines der großen Romane des letzten Jahrhunderts, Thomas Manns „Der Zauberberg“, hat sich Steffen Reck für double angesehen. Tobias Prüwer schreibt über die Text-Bild-Collage „Vom Abendland“ des Puppentheaters Halle. Die Autorin und Regisseurin Roscha Säidow lässt an konzeptionellen Überlegungen zur Entwicklung der Texte für eine Puppentheaterversion von Fritz Langs Film „M“ teilhaben und der katalanische Objektkünstler Xavier Bobés reflektiert über eine Syntax der Worte und der Objekte. Jörg Baeseckes Überlegungen zu theatralen Aspekten des Spracherwerbs und ein Gespräch mit dem Autor Mudar Al Haggi und der Regisseurin Stella Cristofolini über Mehrsprachigkeit auf der Bühne öffnen den Thementeil auch für soziokulturelle Aspekte von Theater. In dem französischen Essay „Théâtre et Terrorisme“ befasst sich Bruno Boussagol ebenfalls mit Sprache, und zwar mit der eminent politischen Wirkung von aufgeladenen Worten und Wortkaskaden.
Aber genug der Worte: Sprecht nicht so viel! ruft der erste Artikel … Genau! Besser [3]: Lesen!
Mascha Erbelding und Anke Meyer

[1] Franz Hadamowsky (Hg.): Richard Teschner und sein Figurenspiegel. Wien, 1956, S. 96
[2] Maurice Mæterlinck: Androidentheater. In: Markus Joss, Jörg Lehmann (Hg.): Theater der Dinge. Berlin, 2016, (S. 152-156), S. 155
[3] Titel der taz-Kolumne (bis 2015) von Deniz Yücel – freedeniz.de