double #33

Editorial

„Wie hast du’s mit der Religion?“, fragt Gretchen den sich aufgeklärt und säkularisiert gebenden Mitteleuropäer. Dessen Welt steht am Beginn des dritten Jahrtausends religiösen Empfindungen auf der einen Seite skeptisch gegenüber, lässt sie nur noch im ironischen Spiel oder in der atheistischen Analyse zu, während auf der anderen Seite ein deutliches Erstarken in der Suche nach spirituellen Erfahrungen zu bemerken ist, genauso wie im politischen Kontext die Konfrontation mit religiös motivierten Handlungen zunimmt. Religion – das ist (wieder) ein Thema.Darüber, inwiefern die Entwicklung von Puppentheater mit religiösen Kulten zusammenhängt, lässt sich streiten. In jedem Fall scheint die Puppe als animiertes Objekt ein spirituelles Potenzial zu besitzen. Sie schaffte es sogar, die Kirche gegen sich aufzubringen, wie im Falle der mechanischen Figuren von Francisco Sanz Baldoví im Spanien der 1910er Jahre. Sie trägt kulturelle Spuren von Glaubenskriegen in sich, die trotz aller Versuche der Umdeutung angesichts der aktuellen Lage in Syrien und dem Irak deutlich hervor scheinen. Ihr sind religiöse Symbole immanent, wie im zeitgenössischen Figurentheater im Iran, und sie widersetzt sich doch klaren politischen Zuweisungen. Nicht zuletzt inspiriert sie Figurentheaterschaffende zur ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Glauben – ganz persönlich wie in der Bachelor-Inszenierung „Refugium der Zeit“ von Eike Schmidt oder eher als Reflexionsraum wie in Svetlana Fourers Adaption des Romans „Hiob“.Auch in Indonesien gibt es diese starke historische Verbindung von Puppenspiel und Religion. Zeitgenössische Puppenspieler, wie die des post-traditionellen Wayangs oder das Papermoon Puppet Theatre, suchen nach neuen Wegen, denen double in seiner Stippvisite nachgeht. Weitere Artikel im zweiten Heftteil führen nach Barcelona und Sankt Petersburg, verbinden das Maskentheater mit dem Phänomen der Gesichtsflucht und geben Einblicke in aktuelle Entwicklungen des Figurentheaters im deutschsprachigen Raum. Inspirierende Lektüre wünschen Tim Sandweg und die Redaktion.