double #32

Übersetzung

Deutsche Version des Essay en française „Corps, Objet, Image. Ceci est une question“
double 32, Heft 2/2015, Seite 30/31

Körper, Objekt, Bild. Eine Fragestellung

Alice Godfroy

Körper, Objekt, Bild: Drei Worte, drei offene Begriffe, die sich miteinander verbinden, um unseren Blick auf das zeitgenössische Figurentheater erneut zu hinterfragen.
Drei grundlegende Komponenten all jener szenischen Schöpfungen, die auf die eine oder andere Weise eine spezifische Beziehung mit Objekten eingehen; vom formlosesten Material bis hin zu den figurativsten Objekten. Eine Art ABC, reich darin, arm zu sein, das keine bestimmte Ästhetik voraussetzt, sondern alle potenziell einschließt, indem es ihnen eine gemeinsame Minimalsprache ermöglicht.
Drei Schlüsselbegriffe, die kein Interpretationsraster festsetzen wollen. Im Gegenteil, sie laden dazu ein, die Grenzen zwischen den Künsten zu verschieben, zusammenzuführen, was die Diskurse getrennt zu halten suchen. Sie wollen ein Bewusstsein, eine Sprache schaffen für diese neuen ästhetischen Landschaften, die aktuelle Inszenierungen vor unseren Augen errichten – und die meist nur unter Schwierigkeiten in bereits vorhandene Rahmen ‘einzupassen’ sind.

Es geht nicht darum, mit diesen drei mehrdeutigen ‘Schimpfworten’ – getränkt mit Unausgesprochenem, schillernd von Mehrdeutigkeit – abzurechnen, indem man versucht, sie einzugrenzen, sich ihrer Definition zu nähern. Diese Trias stellt keine Norm dar: Sie versucht weniger, den Sinn der Worte festzulegen, der sie konstituiert, als vielmehr sich zwischen ihnen anzusiedeln, direkt auf den vielfältigen Beziehungen, die sich zwischen ihnen bilden, direkt auf den Positionen des Zwischenbereichs, die Künstler und Zuschauer vorläufig annehmen: zwischen Körper und Objekt, zwischen Objekt und Bild, zwischen Bild und Körper. Sich ständig wandelnde, nicht einzuordnende, rastlose Positionen, die das dem Figurentheater eigene Handeln ausmachen.

Das COI – Körper-Objekt-Bild (frz. Corps-Objet-Image) – ist gewiss vor allem eine Frage, um die sich die Suche der Figurenspieler dreht, aber ebenso sehr die Suche einiger Schauspieler, Tänzer, Performer, Bühnenbildner, Videokünstler, Plastiker, Architekten, etc. Warum?
Das Objekt hinterfragt den Körper. Der Körper hinterfragt das Objekt. Die Geschichte des Figurentheaters hat in dieser Begegnung häufig eine Ausrichtung bevorzugt: das Objekt zu ‘verkörperlichen’, ihm eine körperliche Beschaffenheit zu verleihen, in ihm einen geheimnisvollen Doppelgänger des Menschen zu erschaffen, – wie Pygmalion in seinem Streben, das Leblose lebendig zu machen. Es gibt zahlreiche Künstler, die diese Richtung heute weiterführen und ihre virtuose Kunst in den Dienst der Theaterillusion stellen, der Reaktivierung der konkreten und poetischen Verbindung mit der Materie oder einer Befragung der Figuren des Doppelgängers – Spiegel unserer fleischlichen Hüllen.

Die Erforschung der entgegengesetzten Ausrichtung ist dazu komplementär: Der Versuch, den Körper zu objektivieren, ihn dank/wegen/anhand des Objekts zu vergegenständlichen. In diesem Kontext greift das Objekt ein, um die neuen Grenzen des Menschlichen zu hinterfragen, um die Beschränkungen des Körpers an sich und jene der Intersubjektivität neu festzulegen. Dazu gehört beispielsweise die künstlerische Forschung zum Waren-Körper (überbelichtet, hypererotisiert, übergesund – und dennoch überall abwesend), zum Körper im Niedergang (alternd, krank, sterbend), zum gestürzten, deklassierten Körper sowie zum zerstückelten, prothetischen, künstlichen, virtuellen Körper unserer Biotechnologien. Es gibt genau so viele Modalitäten des Objekt-werdenden Körpers wie die Bühne befragt.
Bei beiden Richtungen wird die Beziehung zwischen Körper und Objekt erhellt, die die Trennlinie zwischen belebt/unbelebt verschiebt, und es bieten sich somit neue Werkzeuge für eine Definition des Lebendigen und der Metamorphosen seiner Identität. Über die einfache Mimesis hinausgehend, lösen sich das als lebendig wahrgenommene Objekt und der von der Materie ins Wanken gebrachte Körper von der alltäglichen Zeit und dem alltäglichen Raum – sie werden symbolische Darstellung und fantasmatische Schöpfung.
Die Darstellung des Körpers – autorisiert durch seine Beziehung zum Objekt, zur Materie, zur Puppe – verwandelt ihn in ein Bild. Diese Körper-Objekt-Beziehung re-präsentiert den abwesenden, maskierten oder fragmentierten Körper. Als Medium agierend, verschafft sie ihm eine neue Präsenz. Wie andere Simulakren der materiellen Geschichte der Bilder sendet sie dem Menschen ein Bild zurück, in dem er sich wiedererkennen kann. Ein dargestellter Körper also, der durch zumindest teilweise Verschleierung fähig geworden ist, sich zu fragmentieren und sich frei nach Wunsch neu zusammenzusetzen, ein eingeschränkter Körper statt eines erweiterten Körpers, ein hybrider Körper mit zahlreichen Gesichtern. Die Augen verengen sich vor dem Bild des Unbestimmten. Die Form entfernt sich also vom Formellen und vom Erwarteten. Sie löst sich auf ohne Unterlass und rekonfiguriert sich mit neuen Zügen. Sie überschreitet ihre eigenen Umrisse und bietet ein beunruhigendes und subversives Bild.
Es lässt sich hier keine Startlinie herauslesen, sondern ausschließlich Modi der Beziehung Körper- Objekt-Bild, die sich erfinden und die, instabiler als je zuvor, spielerisch ineinanderstürzen. Es bleibt nur die Idee eines großen Spektrums an Möglichkeiten, die zumeist nichts anderes versuchen, als die Positionen zwischen diesen drei Bestandteilen der Aufführung zu destabilisieren.
Dieser COI-Ansatz ergibt sich aus dem zeitgenössischen Horizont des Figurentheaters und macht seine neue Eigenart bewusst. Über die rein darstellende Dimension dieser Kunst, über den reinen Kunstgriff der Mimesis, über die rein semantische, also sprachliche Dimension der Puppe hinaus sind wir sensibel geworden für alle anderen Dinge. Wir suchen Virtuosität nicht mehr nur in der Manipulation der Objekte. Wir erwarten dagegen vom Objekt, dass es unseren Körper, seinen Zustand, seine Erfahrungen und seine Möglichkeiten erneut überprüft. Wir befinden uns gerade in einem Kontext der Dekonstruktion der Künste im Allgemeinen, und der Puppe im Besonderen. Genau hier bietet sich die Frage nach COI, nach Körper-Objekt-Bild, als Alternative zu einem traditionellen Diskurs. Durch ihre unterschwellige Geste der Verschiebung kann sie vielleicht einen Weg in die Zukunft weisen …

Aus dem Französischen von Anna Wieland / Mascha Erbelding / Meike Wagner