double #31

Editorial

Die Fernbedienung ist der Techniktraum des 20. Jahrhunderts. Auf Knopfdruck lassen sich Fernseher an- und ausschalten, Rollos hoch- und runterfahren und Autotüren öffnen. Menschlicher Kontrollwahn paart sich mit Bequemlichkeit. Doch die Maschinen rücken uns mehr und mehr auf den Leib. Die digitalen Dinge von heute – Smartphones, Augmented-Reality-Apps, das Internet der Dinge – formulieren zunehmend ein Recht auf Eigenleben und verwandeln sich in menschliche Prothesen. Können wir da noch die Grenze ausmachen zwischen Ich und Ding?

Im Thementeil dieses Heftes begeben wir uns an die unsichtbare Schnittstelle zwischen Realität und Virtualität und fragen: Wie kann ein Materialbegriff im Zeitalter des Digitalen aussehen? Wie können wir die neuen Dinge als unsere Erweiterungen oder gleichberechtigte Partner verstehen? Und wieviel figurentheatraler Geist steckt in den Praktiken und Techniken der digitalen Community? Wir begegnen sprechenden Objekten, die heutzutage noch den Gesetzen des Marktes gehorchen, aber vielleicht schon in Kürze utopische Bühnenträume wahr werden lassen. Oder digitalen Puppen, die sowohl in großangelegten Vergnügungsshows wie auf dem heimischen Tablet auftreten. Wir gehen dem Mashup als Collage 2.0 auf den Grund und stellen den Künstler der nächsten Generation vor, der unserer Wirklichkeit ein Update verpasst. Werkstattberichte aus der puppenspielerischen Praxis geben konkreten Einblick, welche künstlerischen Möglichkeiten in digitalen Techniken stecken – und wie sich die Technik dem Menschen manchmal widersetzt.

Der zweite Teil des Heftes wirft einen Blick auf Figurentheaterschaffende in Umbruchsländern: Nach Afghanistan, wo die Gewalt der Taliban im Dezember das junge Puppentheaterensemble Parwaz mit voller Wucht traf, und nach Serbien, einem Land, das nach 20 Jahren, geprägt von Krieg, Isolation und politischen Wirren, nach neuer künstlerischer Identität sucht. Und wie immer geben Rezensionen und Festivalberichte Einblicke in die nationale und internationale Szene des Theaters der Dinge – auf und hinter der Bühne, plugged und unplugged.

Michael Isenberg & Tim Sandweg