double #27

Editorial

Es ist weit nach Redaktionsschluss, die ersten Daten hätten bereits gestern beim Grafiker sein müssen, dabei fehlen immer noch Texte, von Bildern gar nicht zu reden. Derweil klingelt ständig das Telefon und ein Pop-Up-Fenster signalisiert neue E-Mails. Die Redaktion der Texte findet zwischen zwei Terminen statt oder es wird wieder spät am Abend. „Überforderung“ ist ein Modethema, kein Lifestyle-Magazin scheint ohne die Burnout-Debatte auszukommen und berichtet von viel zu viel Arbeit und viel zu wenig Zeit. Kein Wunder also, dass fast jeder, der im Theaterbereich arbeitet, auch etwas zum Thema sagen kann. Wir haben Figurenspieler, Theatergänger und einen Experten für Burnout nach ihren Erfahrungen gefragt und ein breites Spektrum in der alltäglichen Praxis gefunden: Kurze Probenzeiten, lange Vorstellungsdauer, zu viele Reize und die Herausforderungen, die einem im Kindertheater oder in der länderübergreifenden Theaterarbeit begegnen.

Überhaupt ist es die schmale Grenze zwischen Heraus- und Überforderung, mit der man in der Theaterwelt ständig konfrontiert ist. Heiner Goebbels, Professor für Angewandte Theaterwissenschaft an der Universität Gießen und Intendant der Ruhrtriennale, spricht mit Anke Meyer über Herausforderungen an das Publikum, die Freiheit der eigenen Entdeckung und die Notwendigkeit von Fremdheitserfahrungen im zeitgenössischen Objekttheater.

Selten nah sind sich in der Überforderung die freie Szene und das Stadttheater. Katja Spiess diskutiert mit dem Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste Günter Jeschonnek über prekäre Arbeitssituationen, den immerwährenden Produktionsdruck und fehlende Spielmöglichkeiten, während Michael Isenberg am Theater Naumburg die Zwänge und Freiheiten des Stadttheatersystems, die Kreativität auf eine besondere Probe stellen, erforscht.

Überforderung als stetigem Begleiter künstlerischer Prozesse und als ästhetischem Phänomen im Figurentheater widmen sich zwei weitere Beiträge: Die Puppenspielerin und Regisseurin Sandy Schwermer, die sich gerade im Produktionsprozess befindet, beschreibt, wie sie und ihr Team mit inhaltlicher und methodischer Überforderung produktiv umzugehen versuchen. Mit einer theoretischen Reflexion geht der französische Figurentheatermacher Renaud Herbin das Thema an: Aus der Beschreibung des grenzüberschreitenden Zusammenspiels von menschlichem und künstlichem Körper entwickelt er ein Bild von Figurentheater als Überforderungskunst.

Im zweiten Teil des Heftes führt uns eine Stippvisite nach Westafrika. Die Literatur- und Theaterwissenschaftlerin Annette Bühler-Dietrich blickt gemeinsam mit Kollegen aus Burkina Faso auf die Puppentheaterszene des Landes und berichtet von der letztjährigen Ausgabe des Festivals FITMO/FAB in der Hauptstadt Ouagadougou. Auch in den Clips der Internetplattform YouTube finden sich figurentheatrale Erzählformen: Anna Teuwen klickt sich durch Tim Etchells´ Shakespeare-Objekt-Erzähl-Projekt „Be stone no more“ und Tim Sandweg begibt sich auf eine Reise durch die Clips der syrischen Opposition, bei denen Handpuppen eine wesentliche Rolle spielen. Mit Rezensionen neuer Inszenierungen und Festivalberichten sowie einem Blick auf die neue FigurenSpielSammlung in Magdeburg betrachten wir schließlich Entwicklungen des Puppentheaters in Deutschland.

Das Editorial ist fast fertig, auf dem Handy ist eine Nachricht vom Grafiker, der sich fragt, wo die Daten bleiben, das Hebbel am Ufer hat sich immer noch nicht auf die Fotoanfrage gemeldet. Also schnell die Jacke gegriffen, um selbst das Finanzamt in Reinickendorf zu fotografieren… Eine störungsfreie Lektüre wünscht die Redaktion.