double #20

Editorial

double-20_coverPolitik im Spiel

Heft 2/2010

Festivals: Chōfu (Japan), Straßburg, Erlangen …
Buchbesprechung: Encyclopédie Mondiale des Arts de la Marionnette”

»Die Marionette will nicht mehr«, titelte jüngst die Süddeutsche – nicht im Feuilleton, sondern im Politikteil. Denn die besten Puppen, Puppenspieler und Strippenzieher finden sich, natürlich, unter Politikern. Das ist bekannt, die Marionetten-Metapher oft benutzt und überstrapaziert. Wenn nun aber die Politik ein Puppenspiel ist, wie politisch ist das Puppentheater? Und wie lässt sich – angelehnt an Jean-Luc Godard – nicht nur »politisches Theater« machen, sondern »politisch« Theater machen? Wenn es über das bloße Erzählen politischer Inhalte hinaus eine Form des politischen Spielens gibt, wie wird sie im Theater mit Dingen umgesetzt? Wie spielen Figurentheatermacher die Abhängigkeit zwischen Ding und Mensch für ihre Zwecke aus? Wie politisch ist das Figuren-, Puppen- und Objekttheater? Wir haben Künstler um kurze Statements zu der Frage gebeten, ob sie politisch(es) Theater machen, und falls ja, wie. Und ob Theater mit Dingen besonders politisch ist. Und bekamen Antworten. Florian Feisel, Peter Schumann, Astrid Griesbach, Florian Loycke, Johanna Ehlers, Yvette Coetzee, Neville Tranter, Ulrike Quade und Ben J. Riepe geben Auskunft: Übers Strippenziehen und Macht-Spielen. Über »die lächerliche Puppenspielerei im Angesichte des gewaltigen Weltmarktes«. Über das Fressen und Gefressenwerden. Über den Abbau von Distanz und das Zulassen des Unvermittelten. Und über die produktive Widerständigkeit des Materials.

Aus theaterwissenschaftlicher Perspektive werden die theoretischen Hintergründe der Debatte reflektiert. Kathi Loch beschreibt als politischen Akt, wie sich der Mensch der Dinge bemächtigt und sie in ein Abhängigkeitsverhältnis zwingt. Philipp Schulte untersucht anhand einer Performance der belgischen Künstlerin Marijs Boulogne, wie diese Bemächtigung auch über die Setzungen von Sprache, Authentifizierung und Ritual erfolgen kann. Anhand der Figur des König Ubu beleuchtet Helga Finter die historische Dimension des Politischen im Theater mit Maske und Marionette, und zeigt, wie Alfred Jarry aufbauend auf Ästhetiken von Kasperltheater und Commedia dell‘arte eine Ethik des neuen Theaters entwickelt. Sebastian Blasius sieht im oszillierenden Blick auf das zergliederte Puppenhafte die permanente Aufforderung, unser Streben nach »Nahtlosigkeit« und »Ganzheit« als einen Akt der Gewalt zu erkennen und den Blick nach Alternativen offen zu halten.

Das Thema hinterlässt seine Spuren auch im zweiten Heftteil. Das Politikum der Subventionskürzung und deren Auswirkung auf die deutsche Festivallandschaft diskutiert Katja Spiess mit den beiden Festivalmachern Annette Dabs und Bodo Birk. Und noch ein politisches Spiel: Wie sich die Widersprüche zwischen interkulturellem Kunstverständnis und fragwürdigen Einreisebestimmungen in der Festivalpraxis niederschlagen, beschreibt Anke Meyer in ihrem Bericht über das Kindertheaterfestival »Hellwach«. Fast wie ein kleines Wunder mutet es da an, dass sich Künstler trotz aller zu erwartenden Hindernisse immer wieder dem Wagnis politisch engagierter, interkultureller Theaterarbeit stellen. Ein Schwerpunkt im nächsten Heft wird daher zwei dieser Initiativen gewidmet sein. Denn Globalisierung ist mehr als ökonomisches Strippenziehen.

Stefan Bläske, Anna Teuwen, Katja Spiess