double #19

Editorial

double-19_coverThema: Lachlust!

Heft 1/2010

Ausstellung: München
Spielstätten: Amsterdam, Osnabrück

Gute Witze haben oft etwas mit dem Tod zu tun. Je trauriger der Anlass, desto lauter wird gelacht. Kinder, die noch zu jung zum Mitleiden sind, machen nicht selten die besten Witze. Einmal erzählte mir mein Sohn einen Supergrundschulwitz: »Eine Fliege fliegt durch das Netz einer Spinne. ›Na warte‹; ruft die Spinne, ›morgen kriege ich dich!‹ – ›Haha, ich bin eine Eintagsfliege!‹ summt die Fliege höhnisch und verlässt mit lautem Lachen den Luftraum.«
(Wladimir Kaminer in »Traurige Lachnummern«, TAZ vom 18.1.2010)

Noch lachen sie, die Kinder in Deutschland – durchschnittlich immerhin 400 Mal am Tag. Erwachsene Deutsche gackern, wiehern, kichern oder quietschen dagegen nur 15 Mal. Nicht gerade viel und weniger als noch vor 50 Jahren, sagt eine Studie über das Lachen (sic!). Ein alarmierender Zustand nicht nur für Gesundheitsapostel, welche die heilende Wirkung des Lachens hervorheben und den Deutschen wohl neben dem Rauch-Verbot am liebsten ein Lach-Gebot von mindestens einer Viertelstunde pro Tag verordnen würden. Lach-Yoga befindet sich im Aufwind – ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Besuch in der Puppen-Comedy von der Krankenkasse bezahlt wird? Womöglich in lustigster Verwirklichung des von Karl Valentin geforderten Theaterzwangs…

Figurentheater steht generell im Ruf, komisch zu sein. Und obwohl es sich inzwischen unbestreitbar als ernsthafte und ernst zu nehmende Kunst präsentiert, ist dem Genre doch glücklicherweise das Lachen nicht vergangen. LachLust! Für das Thema dieses Heftes versuchen unsere Autoren, der Verbindung von Figurentheater und Lachen auf den Grund zu gehen. (Auch wenn nach Odo Marquard gilt: »Komisch ist etwas oder muss es sein, mit dem man – grausamer- und angenehmerweise – nicht fertig wird, schon gar nicht durch eine Theorie.«) Erika Wickel sieht in der Distanz von Spieler und Figur ein besonderes Potential für trotzigen Humor, für das Lachen über das eigene Leid. Im Interview über Kasperkomik kommt Christoph Bochdansky ebenso auf die konfliktlösende Kraft des Lachens wie auf das latent Kommerzielle des Komödiantischen zu sprechen. Jörg von Brincken folgt mit Baudelaire und Jarry dem »absolut Komischen«, erfahrbar im alle Grenzen überschreitenden, reflexartigen Lachen über Gewaltund Körperkomik. Michael Hatzius feiert in seiner Impro-Show die Situationskomik. Und der erfolgreiche Comedian René Marik sucht das Messer im Witz, den traurigen, auch subversiven Kern des Komischen, ohne den alles nur lauer Scherz wäre. Dass die »komischen Frauen«, die es natürlich auch gibt, in diesem Heft zu kurz kommen, ist redaktionellen Gründen geschuldet.
Einer von ihnen werden wir im Thementeil des Sommer-Heftes begegnen, denn für die Regisseurin Astrid Griesbach verbindet sich das Komische immer auch mit dem Politischen. Und die koreanische Puppenspielerin Jae Hee Moon wird in einer der nächsten Ausgaben über die besondere Funktion des Lachens für den Übergang zur Totenwelt berichten. Tod – ein Motiv, das dieses double kaum weniger prägt als das Komische. Und das leider nicht nur in den Essays des Thementeils, im sich anschließenden Gang durch die Ausstellung »Bin im Orkus – Tagebuch aus Matsch« oder im Rückblick auf Inszenierungen in Charleville-Mézières.
Unter den Theaterleuten, den Freunden hat er zugeschlagen, der dreckige Geselle, der Mistkerl! Hat mit seiner Sense die Besten weggeholt, alte und viel zu junge! Als wollt er’s uns zeigen: zur Lachlust gehören Schmerz und Endlichkeit, wie Tod und Teufel zum Kaspertheater. PS: Gar nicht zum Lachen finden wir das Ansinnen, das Figurentheater-Festival Erlangen, eines der bedeutendsten des Genres, im Zuge kommunaler Sparmaßnahmen zu streichen!! Wie diese kulturpolitische Posse ausgeht, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Mascha Erbelding und Anke Meyer