double #12

Editorial

double-12_coverVerantwortung gefragt

Heft 3/2007

Festivals: Erlangen, Magdeburg, Istanbul
Inszenierungen: St. Petersburg, Stuttgart, Halle …

Die ästhetische Relevanz des Puppentheaters und des Figurentheaters in ihren vielfältigen Spielarten ist unbestritten. Große internationale Theaterfestivals haben mit Inszenierungen des Genres reüssiert. Das Puppen- und Figurentheater ist längst Teil des internationalen Festivalzirkus’. In Inszenierungen von bedeutenden Schauspiel- und Opernregisseuren ist das ästhetische Potential des Genres und die faszinierende Wirkung der Animation auch von einem großen Publikum entdeckt worden. Und in der Szene selbst hat sich eine künstlerische Avantgarde formiert, die, auf der Basis der methodisch je unterschiedlich ausgerichteten Hochschulausbildungen in Berlin und Stuttgart, vor allem aus dem interdisziplinären Potenzial ihrer Kunst Nutzen zieht. Damit werden ihre Werke zunehmend auch im Kontext der modernen Performancekunst wahrgenommen.
Solcherart emanzipiert darf man die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung der Künstlerinnen und Künstler des Puppen- und Figurentheaters in Deutschland stellen, ohne sofort in den Verdacht zu kommen, nur nach weiteren Argumenten für die Legitimation ihrer Arbeit zu fragen. Wir fragen also, im Hinblick auf die Freiheit der Kunst und das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung, danach, was Menschen dazu bewegt, Puppen- und Figurenspieler zu werden, zu sein und zu bleiben. Viele der Antworten, die wir auf unsere Frage »Was bewegt Sie als Künstlerin bzw. als Künstler des Puppen- und Figurentheaters und was wollen Sie mit Ihrer Arbeit bewegen?« erhalten haben, sind von der Diskrepanz zwischen hoher persönlicher Motivation und widrigen Umständen geprägt. Sie lassen oft aber auch ahnen, dass es eben dieser Widerspruch ist, der immer wieder vorantreibt. Sie lassen allerdings auch erkennen, dass ein auf Dauer nicht lösbar erscheinender Konflikt zur Ursache permanenter Frustration und damit unproduktiv werden kann.

In der öffentlichen Wahrnehmung gilt das Puppen- und Figurentheater immer noch zu selten als eine Kunstform, die gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt. Vielleicht auch deshalb, weil unsere Debatte bisher vor allem von ästhetischen Aspekten geprägt wird. Dabei will keiner bestreiten, dass die Ästhetik einer Kunst immer mit ihrer Gesellschaftlichkeit zu tun hat, doch in unserer ästhetischen Debatte stand dieser Aspekt bislang nicht im Mittelpunkt.

Deshalb muss es nicht verwundern, wenn der Aktionskünstler Marc Amann konstatiert, dass es zwischen einer sich inzwischen weltweit ausbreitenden sozialen Bewegung, die das Spiel mit Großpuppen zum zentralen Mittel ihrer Demonstrationen und Protestaktionen gemacht hat, und der Szene des Puppen- und Figurentheaters kaum Berührungspunkte gibt. Da darf die künstlerische Stadtteil-Besetzung während des internationalen Puppentheaterfestivals »Blickwechsel«, über die der Magdeburger Puppentheater-Intendant Michael Kempchen berichtet, zumindest als ein Beispiel dafür stehen, dass die künstlerische Arbeit eines kommunalen Puppentheaters urbane Prozesse initiieren und damit gleichzeitig soziales Engagement demonstrieren kann. So manifestiert sich der Wille zur gesellschaftlichen Veränderung auf andere Art und Weise.

Wie der Künstlerische Leiter des Dresdner Puppentheaters, der Regisseur und angehende Puppenspiel-Professor Markus Joss, über die destabilisierende Funktion der Kunst und die Gefahren vermeintlicher Gewissheiten nachdenkt, ist äußerst lesenswert. Sein Essay spricht über die Bewusstheit von Haltungen zur Welt als notwendige Grundlage jeder künstlerischen Arbeit. Er glaubt an die Produktivität des Destabilisierenden, das von einer bestimmten Position aus nur als destruktiv zu interpretieren ist, dessen Potenziale aber durch Aufgabe der eigenen und Offenheit für andere Positionen erkennbar werden können. Die Stuttgarter Figurenspielerin Antje Töpfer hat die Frage danach, was sie bewegt, wörtlich genommen, und in ihrem Spiel mit den Begriffen verschafft sie Einblicke in ihr künstlerisches Denken. Während sich ihr Text als ästhetisches Manifest lesen ließe, darf die Antwort von Melanie Florschütz aus Berlin, die Freiräume für Unfertiges fordert, als ein leidenschaftliches Plädoyer für die Kraft der Kunst zur Utopie und Vision gelten.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Antworten scheint zumindest eines sicher: Es sind gerade diese Freiräume, die Künstlerinnen und Künstlern ermöglichen, in einer beweglichen Gesellschaft ihre Position immer wieder neu zu bestimmen und von dieser Warte aus Verantwortung wahrzunehmen. Freiräume, die es stets aufs Neue zu eröffnen, zu erstreiten, zu verteidigen gilt. Und dies ist beileibe nicht nur Sache der Künstler, sondern auch der Veranstalter, der Festivalmacher, der Kulturjournalisten und der Kulturpolitiker.

Katja Spiess, Gerd Taube